Human After All: Die neue Daft Punk im Minutenprotokoll

Das neue Daft Punk Album: „Random Access Memories“. Nach der Vorab-Single, dem Instant-Welthit und Future Classic „Get Lucky“ ist die Erwartungshaltung riesig: Wie werden sie sein: die Metamorphosen der Meta-Franzosen. Michael Bartle im Live-Ticker mit Seitenhieben von Ralf Summer.

Erstes Stück: „Give Life Back To Music“ – schön bescheuerter Disco-Slogan, Daft_Punk_Albumcovermit um Gottes Willen, natürlich verborgener, SEHR tiefer Wahrheit. Nile Rodgers an der Gitarre und Last Night A Guitar Player Saved My Life. Human After All? Der handgestrickte Funk umtänzelt, beccirct und besäuselt den Vocoder. Noch haben wir Helmpflicht. Guter, aus der Cyborg-Prothese lässig geschüttelter und gerührter Opener!

„The Game Of Love“: George Benson und sein Zivildienstleister führen uns in den botanischen Garten. Achtung: Tempo 30! Aus dem Hibiskus-Strauch geht eine Blüte auf und singt: There is a game of love. Das ist doch schön. Ja, sehr schön ist das. Aber ich werde immer so müde in so einem Gewächshaus. Und dabei muss ich mich heute auch noch um meine Riester Rente kümmern!

„Giorgio By Moroder“: Toller Titel, wie Marc By Marc Jacobs. Oder Michael By Michael Bartle. Das Stück beginnt mit Oral History von Moroder. Er erzählt von den Anfängen von Munich Disco, ohne Munich zu nennen. Dass er in Discotheken singen musste, um Geld zu verdienen. Und anschließend im Auto schlief, um Geld zu sparen. Schön, wie er sagt: „My name ist Giovanni Giorgio, bit everybody calls me Giorgio.“ Clever: die Einführung des Metronom-Klicks als Taktgeber für Four-To-The-Floor-Produktionen.
Klaus Schulze schaut von hinten über die Schulter, wir cruisen mit offenen Verdeck an der Münchner Freiheit vorbei, bremsen auch für Tiere, bremsen auch noch mal kurz für Benson, der uns „Gimme The Night“ zuraunt. Dann fahren wir kurz ran an einer Parkbucht, bestellen Eis, steigen kurz aufs Gas, der Fahrtwind wird etwas orchestraler kurz vor den Bavaria Filmstudios. Eddie Van Halen steigt zu. We’re out all day to get lucky. 9 Minuten lang. Easy discoing. Bestes Stück bisher.

„Within“: Ist das Richard Clayderman? Oder doch Chilly Gonzales. Nach Giorgio Moroder jetzt Chilly Vocoder. Chilly Vocoder zirpt: „Looking For Someone“. Wir sind mit Klaus Lemke und seinen Mädels im Freibad. Aber wollten wir da wirklich hin?

„Instant Crush“ mit Julian Casablancas. So viel Gäste, das wird live fast unaufführbar. Auch er fährt ohne Lederjacke Autotune. Und kommt an bei Bilitis, ELO und, ja, Usher. Steckt in dem Wort „Hommage“ nicht auch das viel ältere Wörtchen Oma? Ralf führt das schöne Genre „Yachtrock“ ein. Plätschert und schaukelt so angenhem, dass niemand Angst haben muss, seine Drinks zu verschütten. Früher hätte man gesagt: Mach Daft Punk lauter, ich will tanzen. Heute eher so: Mach Daft Punk leiser und aus welcher Gegend stammt dieser leckere Rosé?

Jetzt aber wieder das Tanzbein schwingen. Ist das nicht wieder Nile Rodgers in „Lose Yourself To Dance?“ Und auch Pharrell tut mit. Uneinigkeit auf den Besucherrängen in München Daglfing:

Jockey Ralf: „Aus Dance-Punk wird Jazz-Funk. Wo soll man bitte hierzu tanzen? Im Seniorenclub Maratonga in München Haidhausen?

Jockey Mehringer: „Schwoooof„.

Jockey Bartle: „Wienerisch-lässiger Disco-Schmäh an der Cote D‘ Azur!

Ralf, der die Platte schon gehört hat, warnt: Jetzt kommt die fadeste Nummer. Oscar-Preisträger und Three Dog Night und Barbara Streisand Kollaborateur Paul Williams ist dabei. Die Nummer schlägt Haken von Easy Listening zu Hollywood Score zu Abba und Dixieland und einem Zalando-Gospelpaket. Man weiß nicht wo man Sachen hingespeichert hat – „Random Access Memories“ – alles kommt ungefiltert wieder hoch. Am Ende: Love ist the answer – Cut – Paul Williams zum Piano „You give me too much to feel. You always convinced me I’m real. I need something real.“
Bartles Augen nässen. Von so viel Archivschlauheit und Mut zur unpeinlichen Peinlichkeit ergriffen. Er schweigt.

„Get Lucky“: (siehe Artist Of The Week:): „Ein Miststück von einem Welthit.“
We are up all night to get lucky!!!!

Fanfare. Dann wieder George Benson mit seinem Vocoder. Rick James und sein Bruder Slick James. „Wellness-Funk“ (Ralf) Bartle bewundert die geschliffene Rhetorik Ralfs und die geschliffene Rhetorik Daft Punks, holt den Golfschläger raus und holt aus.

Das 10. Stück „Motherhood“: Abdul Hassan Orchestra in ganz geheimnisvoll. Mit Tisch-Springbrunnen. Und Luftbefeuchter. Hypnagoge Disco. Wir kippen um und skippen.

„Fragments Of Time“ – wieder so ein hypnagog bescheuerter Titel. Steely Dan schauen ums Eck. Fleetwood Mac schnäuzen ihre Koksparanoia in ein Einstecktuch. Bartle erneut begeistert. Soft-discoide Beiläufigkeit. Disco mit Lapsteel-Guitar UND mit Peter Framptom Guitar. Tolltolltoll.

„Doin It right“ mit, jawoll, Panda Bear. Das ist mal spannend. Ein soft-gespoilter Kraftwerk-Vocoder im Engtanz mit Panda Bears Schlurf-Surf Stimme. Wieder eine konzeptuell sehr gelungene Mensch-Maschine, dieser Track. Beide, Mensch und Maschine träumen gemeinsam von der besten Pixel-Welle dieser Welt. Trans-Human After All!

Mit „Contact“ sind wir dann auch durch. Der Einstieg: Klar ein sonorer Walky-Talky Talk hat noch gefehlt und dann aber ab in die Drohne, mit der wir noch ein letztes Mal den Planet Disco überfliegen. Meta-Disco mit menschlichen Zügen. Bartle wird sich bei Thomas Meinecke im Grundkurs Disco einschreiben.

FAZIT:
SUMMER: „Ein paar gute Stücke, sonst Bauspar-Funk in der Senator-Lounge“
BARTLE: “Toll After All.”

 

Kommentieren:

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  1. Das Album ist in meinen Augen deutlich besser, als es hier bei euch wegkommt. Der Hype nervt natürlich, aber musikalisch ist die Platte top!

  2. Hallo Max,
    Wie geschrieben: Ralf findet es eher Muzak, ich kann mich schon erwärmen für die Meta-Disco.
    Liebe Grüsse
    Mi

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