Menschen, die auf Displays starren

Erstmals werden weltweit mehr Smartphones als Handys verkauft. Ende des Jahres will das taiwanesische Unternehmen Polytron sogar ein transparentes Smartphone herausbringen, damit das Texten auch beim Laufen kein Problem ist. Die Displaystarrerei wird also zunehmen – dabei gibt es schon eine Kampagnen gegen das asoziale Verhalten: “Stop Phubbing“ heißt sie. Das Wort ist eine Mischung aus „Phone“ und „Snubbing“, aus Telefon und Jemanden-vor-den-Kopf-stoßen. Von Franziska Schwarz

- Smartphone-Starrer (dpa)

Smartphone-Starrer (dpa)

Der Unsitte des Displaystarrens muss ein Ende gesetzt werden. Alex Heigh aus Melbourne hat die Protest-Parole „Stop Phubbing!“ auf Twitter eingeführt – und Leidensgenossen blasen jetzt ihren Ärger in die Welt. Heigh ist derweil vollauf beschäftigt, internationale Presseanfragen zu beantworten, seine Freunde schicken ihm schon besorgte Nachrichten, wo er denn stecke. Dabei sind die mit schuld, dass er die Kampagne überhaupt gestartet hat. Der 23-Jährige leidet darunter, dass Leute „Candy Crush“ oder „Angry Birds“ unterm Tisch spielen, obwohl er ihnen gerade gegenüber sitzt. Als Anti-Technik-Kampagne will er „Stop Phubbing“ aber nicht verstanden wissen. Smartphone und Co. sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Nur sind sie wohl etwas plötzlich in unser Leben getreten.

„Und ich denke aus genau diesem Grund fehlen uns noch Umgangsformen mit Smartphones. Wir befinden uns in einer Art Aufholjagd in Sachen Etikette. Wir haben uns auf die neuen Technologien gestürzt, ohne zu fragen, was dabei angemessen sein könnte und was nicht. Ich glaube, deshalb hat meine Kampagnedieses weltweite Feedback bekommen. Wahrscheinlich braucht die Welt meine Wortschöpfung “Phubbing”, um das Problem thematisieren zu können.“ Alex Heigh

Screenshot Stop Phubbing Kampagne

Screenshot Stop Phubbing Kampagne

 

Zu solch massiven zwischenmenschlichen Problemen kam es  nicht, als das Kabeltelefon mit Drehscheibe sich durchsetzte – die Leute zerrten das das Ding trotzdem nicht mit an den Esstisch. Bei Smartphones ist es anders, denn es gibt die smartphone addiction. Dem Problem widmen sich bereits unzählige Studien. Als belegt gilt, dass viele Menschen depressiv werden, wenn sie nicht regelmäßig eine Nachricht erhalten. Heißt, der Betroffene kann nichts für seine Displaystarrerei – er ist einfach süchtig. Doch wer sich nicht mit Junkies umgeben will, kann die Phubber ja sofort aussortieren, oder? Wem sein Smartphone wichtiger ist als sein Gegenüber, der soll doch sehen, wie er mit seinem Display glücklich wird. So weit würde Phubbing-Aktivist Heigh nicht gehen.

„Vielleicht sollte man da nicht so streng sein. Ich glaube, viele Menschen Phubben unbewusst, sie schauen dauernd auf ihr Handy, ohne es zu merken. Auf der anderen Seite, wenn Du mit jemandem ein Date hast, schenkst Du ihm eigentlich schon Deine ganze Aufmerksamkeit. Wenn einer aufs Smartphone schaut, merkt er es entweder nicht oder er ist einfach nicht an Dir interessiert.“ Alex Heigh

Screenshot Stop Phubbing Kampagne

Screenshot Stop Phubbing Kampagne

 

Wer Phubber nicht abschreiben aber zumindest zurechtweisen will, findet auf Heighs Kampagnen-Seite ein großes Download-Angebot: „Stop Phubbing“- Poster, für Cafes und Kneipen, “Stop Phubbing“-Tischkarten für Hochzeiten. Und – besonders beliebt – eine Facebook-Seite, wo jeder Fotos der phubbenden Freunde hochladen kann. Die Beleidigten greifen also zum “Public Shaming” – ist das nicht ein bisschen übertrieben? Warum seinen Ärger twittern, wenn man die Freunde direkt ansprechen kann?

„Es ist wirklich eine heikle Sache, Leuten zu erklären, dass sie einen mit ihrem Smartphone-Gehabe vor den Kopf stoßen. Das ist ja der Grund für die Phubbing-Intervention per Email oder Website. Es ist einfach netter, ein Foto von Deinem phubbenden Freund zu posten – und auch viel interaktiver. Ich glaube deshalb ist diese Kampagne auch so ein Erfolg.“ Alex Heigh

Der nächste #aufschrei ist Alex Heighs Initiative sicher nicht. #stopphubbing spielt eher in der Liga wie ein anderes beliebtes Tag: Es heißt #firstworldproblems. Zumal es gegen Phubbing auch schon sehr einfache Strategien gibt: Wer im Freundeskreis als erster das Handy zückt, muss ne Runde ausgeben.

 

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