#failoftheweek: Das windelweiche Bundesteilhabegesetz

Egal ob Frauenquote oder schnelles Internet: Wenn sich die Politik auf die Wirtschaft verlässt ohne die Daumenschrauben anzuziehen, kommt selten etwas Gutes dabei heraus. Das ist auch jetzt wieder so beim Thema Barrierefreiheit. Unter dem Hashtag #nichtmeingesetz protestierten diese Woche bei Twitter Menschen gehen das neue Teilhabegesetz. Zurecht findet Christian Schiffer.

„Zu lange am Computer sitzen? Ein Löffel. Am Bahngleis warten? Auch ein Löffel. Und am Ende des Tages, wenn man dann hungrig ist, dann hat man dann gerade mal einen Löffel übrig. Der geht dann für das Kochen drauf, aber Energie, um dann noch abzuwaschen, hat man dann nicht mehr“. butyoudontlooksick.com

Christine Miserandino leidet an Lupus, einer Autoimmunerkrankung, die ihr Kraft und Energie raubt. Um einer Freundin zu erklären, was das im Alltag bedeutet, breitete sie  im Jahr 2003 15 Löffel auf ihrem Esstisch aus. Die Geburtsstunde der Löffeltheorie. Und die geht so: Für jede Aktion, die Christine Miserandino bewältigen muss, wird ihr ein Löffel abgezogen. Die Löffel stehen quasi metaphorisch für Ressourcen, mit denen kranke oder behinderte Menschen haushalten müssen. So wie Annette Schwindt, die an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leidet, welche sie stark in ihrer Mobilität einschränkt. Auf ihrem Blog schildert sie ihre Situation so:

„Ich beginne meinen Tag damit, meine Löffel zu zählen und mit den anstehenden Tagesaufgaben abzugleichen. Ich muss jede Aktion danach abwägen, wie viele Löffel sie mich kostet und wie viele sie mir für den Rest des Tages und die Aktionen, die noch ausstehen, übriglässt. Und einen Reservelöffel sollte man immer noch haben, falls was Unvorhergesehenes passiert.“ www.nettesite.com

Mit 15 Löffeln am Tag auszukommen ist ohnehin schon nicht ganz einfach, aber dann kommen auch noch nicht funktionierende Rolltreppen hinzu, defekte Aufzüge und vor allem: Stufen. Pittoreske in Altbauwohnungen, 0815-Stufen, die einem den Zugang zur Lieblingskneipe verwehren, Deppen-Stufen, die ein unüberwindliches Hindernis sind auf dem Weg zum Kinobesuch. Treppen sind der Löffelfresser schlechthin und da helfen auch keine Reservelöffel.

Behörden sollen barrierefrei sein, Kinos aber nicht?

Dagegen könnte man etwas tun, mit Rampen zum Beispiel, mit Schwellen und mit Aufzügen. Und in gewisser Weise wird auch etwas getan: Alle Bundesbehörden sollen bald barrierefrei sein, so schreibt es das neue Bundesteilhabegesetz vor. Das gilt aber nicht für die Privatwirtschaft: Kinos, Arztpraxen, Theatern, Geschäften oder Restaurants werden keine Verpflichtungen auferlegt. Dagegen haben Menschen mit Behinderungen diese Woche protestiert: In der Kohlenstoffwelt, wo sie sich am Reichstagsufer festgekettet haben und auf Twitter unter dem Hashtag #nichtmeinGesetz:

Natürlich: Rampen kosten Geld, Schwellen kosten Geld und Aufzüge, die kosten noch sehr viel mehr Geld und genau deswegen wird der Besuch von Restaurants und Kinos für viele Menschen auch in Zukunft das Risiko eines gewaltigen Löffelverbrauchs beinhalten. Das einzige was helfen würde, wäre Zwang – so wie beispielsweise in Österreich: Dort können Bürger die Privatwirtschaft verklagen, wenn ihnen ein barrierefreier Zugang verwehrt wird. Eine solche Regelung könnte man auch hier einführen, der Staat könnte kleinen Cafés und kuscheligen Hinterhofkinos in Härtefällen finanziell unter die Arme greifen. Am Ende aber wäre Deutschland barrierefreier und viele Menschen könnten endlich mehr anfangen mit ihren 15 Löffeln am Tag.

Links:
Tagesschau 12.5.2016: Reform des Gleichstellungsgesetzes
Aktion Mensch: Mammutprojekt Teilhabegesetz

 

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