#failoftheweek: Der letzte Schuss der Killerspiel-Gegner

Sind Computerspiele schuld am Amoklauf von München? Was tun gegen Gewalt in Games? Seit Freitag sind wir wieder mitten in der Killerspieldebatte. Der Zündfunk sagt: Bitte sofort aufhören und über wichtige Dinge reden!

Counter Strike auf dem "DreamHack" in Leipzig

Computerspiele machen aus Jugendlichen Amokläufer. Das zumindest finden Innenminister de Maizière und CDU-Fraktionschef Volker Kauder.

„Es ist nicht zu bezweifeln, dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten.“ Innenminister Thomas de Maizière

Solche Erklärungsversuche sind so retro wie Counter Strike 1.0 und so ärgerlich wie ein Camper in Battlefield 4. Sie lenken ab von wichtigeren Problemen. Plötzlich ist sie wieder da: Die Killerspieldebatte. Zumindest ein bisschen, denn von einer breiten, inhaltlichen Debatte kann bislang eher keine Rede sein. Geäußert haben sich zu dem Thema gefühlt acht Millionen Computerspieler auf Twitter, natürlich der Kriminologe Christian Pfeiffer und außerdem noch Volker Kauder und die Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände, Regina Görner:

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„Als ich das Video des Münchener Attentäters gesehen habe, hatte ich sofort diese Assoziation. Und die Reaktionen sind ja auch entsprechend: Wir richten mal tüchtig Schaden an, und dann drücken wir auf Neustart, und alles kann von vorn losgehen. Ich frage mich schon lange, was die Mechanik dieser Spiele in den Hirnen der Leute anrichtet.“ Regina Görner, Mitglied im CDU-Bundesvorstand

Der Täter von München soll auch Counter Strike gespielt haben und so wird jetzt natürlich auch wieder über Counter Strike debattiert, so wie nach so ziemlich jedem Amoklauf. Dabei ist Counter Strike nicht gewaltverherrlichend, sondern mehr so eine Art Räuber & Gendarme des Digitalzeitalters. Das hat sogar die Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Medien damals erkannt, zu Hochzeiten der Killerspieldebatte. Counter Strike wurde nicht indiziert, sondern ist sogar ab 16 erhältlich. Zurecht.

Was Ego-Shooter in Hirnen anrichten, das ist ohnehin umstritten. Es gibt Studien, die sagen, dass diese Spiele aggressiv machen, es gibt Studien, die sagen, dass das Quatsch ist, es gibt Studien, die sagen, dass diese Spiele zwar aggressiv machen, aber nur ein ganz klein wenig, es gibt Studien, die sagen, dass diese Spiele sogar einen positiven Effekt haben können, es gibt Studien, die sagen, dass Amokläufer insgesamt gar keine so großen Ego-Shooter-Fans sind, es gibt Kriminologen, die sagen dass das Quatsch ist und dann gibt es noch Metastudien, die zu keinen eindeutigen Ergebnissen kommen. Ach ja: Und dann gibt es natürlich noch diese ganz neue Studie aus England, die sagt, dass es verdammt schwierig ist Studien über Computerspiele zu machen. So etwas nennt man dann wohl Wissenschaftsstreit.

Endlich: Reden über mehr Schulpsychologen und Aktionen gegen Mobbing

Was hingegen unstrittig ist: Es gäbe so viel wichtigeres zu diskutieren! Warum gibt es so wenig Therapieplätze und so wenig Schulpsychologen? Wäre es nicht sinnvoller mal in die Zukunft unseres Landes zu investieren, anstatt am Fetisch einer schwarzen Null festzuhalten? Was genau kann man gegen Mobbing tun und vor allem: Ist es wirklich eine gute Idee Amokläufer in den Medien andauernd exakt so darzustellen, wie sie es wohl selbst gerne gewollt hätten?

Und natürlich gäbe es auch in Sachen Computerspielen einiges zu bereden, aber eben nicht, ob Counterstrikespieler tickende Zeitbomben sind oder ob Call of Duty aus musisch begabten Vorzeige-Teenagern potenzielle Amokläufer macht. Gewalt in Computerspielen ist oft langweilig, eindimensional – und ja – oft auch irgendwie etwas dumm. Militärshooter tun gerne so als sei Krieg eine saubere Sache, feiern heroisches Soldatentum ab, reproduzieren manchmal Stereotypen. Darüber kann man streiten, darüber muss man streiten. Eine ausgewachsene „Killerspieldebatte“ im klassischen Sinne allerdings, die wirkt heute so deplatziert wie Friedensaktivisten im neuen Battlefield.

 

 

Kommentieren:

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  2. Gut geschrieben. Überlege gerade, eine höfliche Email an Maiziere zu verfassen. Keine Lust mehr auf banale Ausreden von Politikern, die am Kern nichts ändern. Ich habe über 6 Jahre CS gespielt und bin weit pazifistischer (oder für manche Bayern: öko) als manch Computerspielverweigerer, der jetzt mit „habe ich schon immer gesagt“ – Zeigefinger auf andere deutet.

  3. „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
    Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
    Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
    Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
    Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“
    Talmud

    Es mag Wichtigeres geben als diese Debatte, aber die Welt braucht deswegen noch lange keine gewalt- und mord-zentrierten Games, egal, ob daraus 1 oder 4 Amokläufer resultieren. Dies hat nichts zu tun mit Maßnahmen gegen Mobbing. Keine saubere Argumentation.

  4. Pingback: De Maizière will neue Killerspieldebatte? Nein, danke! | netzpolitik.org

  5. Pingback: Wird „Counter-Strike“ seinem Ruf gerecht? | VDVC

  6. Ich denke seit den 2000ern wurde über die Killerspielediskussion alles gesagt was es zu sagen gibt. Ich habe in den letzten Tagen keine Argumente gehört, die ich nach Winnenden und Erfurt nicht auch gehört habe.
    Aber wir können mal über Verhältnismäßigkeit sprechen. Wieviele Menschen spielen diese Spiele in Deutschland? 1Mio? 2? Und wieviele Amokläufe gab es die dann auf diese Spiele zurückgeführt wurden? 1 in 7 Jahren? Ist ein Killerspieleverbot dann wirklich eine Maßnahme, die uns die größte Wirkung beschehrt?

    …just asking…

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