Das dämlichste Phänomen überhaupt: Festivalmode

Onlinehändler von Asos bis Otto verkaufen einem mittlerweile Festivalmode, H&M hat eine eigene „H&M loves Coachella“-Linie. Vor allem Menschen, die tatsächlich noch wegen der Musik auf Festivals gehen, können bei Festivalmode von der Stange nur den Kopf schütteln. 

Victoria Rocha, Edith Gomez, Paula Sampaio
Meine letzte Wohnung hab ich mir mit einem #modemädchen geteilt – stand wirklich so unter ihren Instagram-Fotos. Wir haben uns bestens verstanden – waren aber sehr verschieden. Die Grenze verlief schön sichtbar am Küchentisch: sie vertieft in ihr Vogue- und Instyle-Abo, nebenbei wurden die Nägel lackiert, ich gegenüber mit meinem Musikexpress, ungeschminkt, wie immer. Eines Tages schaut sie von ihrem Hochglanzmagazin auf: „Woah, wollen wir zusammen aufs Glastonbury Festival fahren? Ich seh‘ mich schon in meinem Outfit: Hunter-Gummistiefel, abgeschnittene Jeans-Shorts und eine Isabel Marant Bluse  – das wird so gut aussehen!“
Äh – what? Meine Mitbewohnerin auf einem Musikfestival? Sie, die sonst keinen einzigen Cent für Musik ausgibt? Die Spotify in der Kostenlosversion mit Werbung hört und da auch nur empfohlene Playlists? Sie wollte auf einmal auf ein Festival? Wegen der Mode? Ja – und da ist sie in bester Gesellschaft.

Festivals mutieren immer mehr zu Laufstegen

Zugegeben: auf Festivals ging’s noch nie nur um Musik, sondern auch um das Drumherum, ums Feiern. Aber irgendwie scheinen die staubigen oder matschigen Wiesen vor den Bühnen immer mehr zu Lauftstegen zu mutieren. YouTube ist voll mit Tutorials, in denen Beauty-Bloggerinnen erzählen, was jetzt die absoluten Festival-Must-haves sind. Gleich vorweg: Blumen im Haar sind nicht totzukriegen – wahrscheinlich auch weil sie heutzutage aus Plastik sind.

Aber die Plastikblumen sind ja noch nicht mal das Schlimmste. Auch nicht die rührenden Ratschläge von Mädchen, die mit Sicherheit noch nie in ihrem Leben 3 Tage lang nur mit einem Mindestmaß an Hygiene auskommen mussten. Bei YouTuberin Beki zum Beispiel darf in der Handtasche (!) auf keinen Fall der Blotting Stick oder Blotting Paper fehlen –  „damit die Haut nicht so fettig wird und anfängt, unschön zu glänzen.“

Lieber den Look „Folk-Remix“ oder „Urban Cool“?

Das Schlimmste aber ist der Markt, der sich entwickelt hat: Onlinehändler von Asos bis Otto verkaufen einem „Festival-Looks“. Bei Zalando kann man gleich zwischen mehreren Kategorien wählen: Folk-Remix, Desert Heat, Rave Revival und Urban Cool.

Screenshot: Zalando

Screenshot: Zalando

Wer sich z.B. für den Folk-Remix entscheidet, wird von Model Julia angelächelt. Ihr wurde von irgendwelchen Marketing-Menschen eine Personality verpasst (angeblich ist sie Yoga-Lehrerin). Julia trägt ein flatteriges Kleid mit Ethno-Muster, das klischeehafteste Bandana in den Haaren, das man sich vorstellen kann und Sandalen mit zarten Perlstickereien. #BohoChic. Dazu wird Julia folgendermaßen beschrieben:

„Ich bin ein Freigeist, aber kein Flower-Power-Mädchen! Ich liebe Stilmixe – am besten mit erschwinglichen Teilen und verlässlichen Premium Lieblingsstücken, ohne die ich nicht leben kann.“

Es kommt noch besser:

„Meine Festivalmusik: New Folk, verträumte Vocals und Gute-Laune-Pop. Am besten gefällt mir an Festivals das Campen – so kann ich Natur und Musik zusammen genießen.“

Haha. Campen. Auf Festivals. Liebe Zalando-Julia, wir sehen uns in der Schlange zum Dixi-Klo. Im Notfall frag doch mal bei Model Margo nach. Die trägt zu ihrem Rave-Revival-Outfit nämlich eine Clutch. Vielleicht ist darin ja Platz für ein paar Desinfektionstücher.

Die Brutstätte der Seuche: das Coachella Festival

Die Festivalmode von der Stange ist eine Seuche, die sich in den letzten Jahren rapide ausgebreitet hat. Die Brutstätte: das Coachella Festival in Kalifornien. Dass mit Beyoncé & Co. regelmäßig die größten Popstars der Welt auftreten – geschenkt. Was zählt, sind die Celebrities und Models, die in der VIP-Area abhängen. Ihre Mainstage: Instagram. Die Bilder von Victoria’s Secret Models in spärlichen Uniformen aus weißen Häkeloberteilen, knappen Shorts und überall Fransen verbreiten sich in die Welt. Am Ende landen sie in der Marketingabteilung von Ketten wie H&M, die ihre eigene Coachella-Linie rausbringen. Und die Kids bei uns in der Fußgängerzone denken sich: aha! Das trägt man also auf Musikfestivals! — Nein!

via GIPHY

Es gibt auf Festivals nur einen entscheidenden Faktor, was das Outfit angeht: das Wetter. Gummistiefel oder nicht Gummistiefel. Ansonsten: wurscht. Macht Festivals nicht zu einem verdammten Fasching! Für jeden bescheuerten Boho-Fummel kann man sich mindestens drei Monate ein Spotify-Premium-Abo leisten. Und wer sich nicht mal das leistet, hat auf einem Festival eh nichts verloren.

 

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  1. Und wir machen uns Sorgen um ein Eskalation zwischen den USA und Kim „größenwahnsinnig“ Jong? Bei 1,4 Millionen views bei diesem Beratungs-Video mache ich mir ganz andere Sorgen mit Bezug auf unsere Gesellschaft.!

    Ist das jetzt einer der sogenannten Hater-Posts? xD

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