Warum Glitzer keine Vagina schöner machen muss

Überall Glitzer. Auf Festivals in den Gesichtern, als Glitzertattoos auf dem Körper und – so oft genutzt, dass sogar davor gewarnt werden muss – in Form von Kapseln auch in Körperöffnungen. Muss denn wirklich alles harmlos und pseudospaßig vor sich hin strahlen? Ist das eine Folge der Einhornisierung? Auf jeden Fall ist es: Unsinn. 

Glitzerkapseln, Screenshot von www.prettywomaninc.com

Glitzerkapseln, Screenshot von www.prettywomaninc.com

Glitter ist eine der besten Erfindungen der Menschheit. Das ist soweit meine Überzeugung. Glitter kann sehr vieles schöner machen. Glitzergummistiefel zum Beispiel. Klasse Sache. Es regnet, Gummistiefel halten die Füße trocken – und in bunt auch die Laune auf einem erträglichen Level. Oder Glitzernagellack: Raufgeschmiert – und wann immer ich Langeweile hab, starre ich drauf, belustige mich am Funkeln und denke nach, über Adorno. Oder so. Ist ja egal. Ist hübsch.

Glitzer mich nicht zu

Das sind aber alles Formen, die wir Glitzer-Experten als „festen Glitzer“ bezeichnen. Denn chemische Kenner wissen: Er ist dort. Nirgendwo sonst. Es ist nicht der Glitzer, den sich lebensfrohe Menschen auf Festivals ins Gesicht schmieren oder, noch besser, durch die U-Bahn streuen, weil Party ist da, wo du sie machst.

Dieser lose Glitzer ist nachweislich schlecht. Schlecht für die Umwelt, weil Mikroplastik und schlecht für alle, die ihn nicht mehr loswerden. Nach einer atomaren Apokalypse würde Glitter immer noch auf den Kakerlaken haften. Blöderweise tritt eben genau dieser lose Glitzer einen Siegeszug an. Mit Fanfaren. Denn er ist ja so praktisch überall einsetzbar. Auch in der Vagina. Ganz recht.

#Toeachherown

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Mittlerweile müssen Ärzte warnen, dass es gesundheitlich nicht unbedenklich ist, sich Kapseln in Körperöffnungen zu schieben, damit die Kapsel sich im Unterleib dann auflösen und Glitzer freisetzen kann. Aus optischen Gründen. Soll nämlich gut aussehen, wenn zwischen den Beinen Glitter läuft oder dem Penis eine Glitzer-Glasur verpasst wird. Diese Kapsel kann jeder ganz regulär kaufen, natürlich, im Internet. Dort werden die Vagina-Glitter-Kapseln auch „Passion Dust“ genannt – Leidenschafts-Staub, was so bescheuert klingt, wie es ist, sich das in den Körper zu stopfen und irgendwie auch an den Namen einer sehr billigen Designerdroge erinnert.

Glitzer ist kein Metamorphosen hervorrufendes Allheilmittel

Abgesehen davon, dass ich diese Laken nicht waschen möchte, kann man an dieser Stelle ja mal fragen, welchen Vorteil ein glitzernder Penis nun hat. Egal wo man Glitzer schließlich drauf schmiert: Es wird nichts grundsätzliches an den Dingen ändern. Sie bleiben, wie sie sind – nur halt glitzernd. Wir können das gerne unter Beweis stellen, sobald sich eine Person findet, die Björn Höcke mal so richtig ordentlich mit Glitzer einseift.

Es wird immer noch Björn Höcke sein. Und aus seinem Mund wird verbal noch immer nichts funkeln. Natürlich können gesellschaftlich als unschön geltende Dinge mit Glitzer toll konterkariert werden. Hannah Altman, eine amerikanische Künstlerin, hat junge Frauen bildlich in Szene gesetzt, in Situationen, in denen sonst Körperflüssigkeiten entweichen würden – kotzend überm Klo, Menstruationsblut in weißer Unterhose – und hat die Körperflüssigkeiten jeweils mit Glitzer ersetzt. und so krampfhaft verschönt und dadurch hinterfragt, was wir eklig finden und wieso. Das ist schlau.

Der Glitzer, der uns ständig umgibt, ist es aber nicht. Das mag untergehen, aber der Glitzer, den die Einhornisierung von Produkten begleitet – rosa Einhörner auf Einhorn-Brotaufstrich, auf Einhorn-Fruchtsekt-Flaschen, auf Einhorn-Handy-Schutzhüllen – der übertüncht nur. Eine Schande für die Einhörner, die ursprünglich mal ein Symbol für die Queer Community waren. Und nicht als Überdeckung sondern als Herausheben des Andersseins, des Echten und Wahrhaftigen und des Eigentlichen. Glitzer, der dazu da ist, Dinge schönzufärben, die nicht schön sein müssen oder es schlicht nicht sind, ist komplett unsinnig. Manche Dinge sind nun mal so, wie sie sind. Das gilt für das Leben, Penisse und ja, auch für Björn Höcke.

 

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