Warum die Meerjungfrau das neue Einhorn ist – und ob der Trend einen Meerwert hat

Meerjungfrauenschwimmen – oder Mermaiding – hat sich von der absoluten Randsportart zur Trendsport-Art für jedermann entwickelt, von den Großstädten bis ins Allgäu. Und die Meerjungfrauen sind nicht nur im KiKa-Alter, sondern auch Erwachsene! Frauen und Männer. Aber vor allem Frauen.

1989 wünscht sich Arielle, die kleine Meerjungfrau aus dem Disney-Film noch sehnlichst, ein Mensch zu sein. Echte Beine zu haben, mit denen sie gehen und tanzen kann. Tja, man will immer das, was man nicht hat. Heute zwängen sich Menschen in der ganz realen Welt ab der Hüfte in Flossen hinein, um dann wie Nixen durch die chlorigen Gewässer dampfiger Hallenbäder zu gleiten.

Learn to swim safely in a mermaid tail! #PMIA

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Meerjungfrau-isierung des Banalen

Die heutigen Meerjungfrauen sind nicht nur Teilzeit im Wasser anzutreffen. In YouTube-Tutorials wird gezeigt, wie man sich auch im Alltag in ein Fabelwesen verwandeln kann: zum Beispiel mit dem perfekten Ombre-Mermaid-Haarton. Dabei werden die Haare in einen Blau-Grün-Farbverlauf gefärbt. Passend dazu gibt es natürlich auch Make-Up.

Die Perfektionisten kleben sich am Ende noch künstliche lila, grüne und blaue Wimpern zwischen ihre eigenen. So viel Zeit muss sein. Wer dann als formvollendet gestylte Nixe morgens im Trockenen am Frühstückstisch sitzt, kann sich auf eine artgerechte Kost freuen: Der Meerjungfrauen-Toast ging dieses Jahr auf Instagram steil, dick beschmiert mit einer Mischung aus Algenpulver und Mandelbutter-Creme, grün-blau changierend und mit einem Hauch von Goldstaub oder Glitzer bedeckt. Mmmh…

Nautische Geschmacksverirrung?

Aber jetzt mal ehrlich, da will man doch nicht reinbeißen. In einen grün-blauen Toast?! Der wurde erfunden, weil man ihn mit dem Hashtag „Meerjungfrau“ bei Instagram teilen kann. Und alles, was da so geliked und geklickt wird, lässt sich hervorragend verkaufen. Einfach den Meerjungfrau-Stempel drauf. Die Meerjungfrau ist das neue Einhorn. Dieses arme Ding muss mittlerweile für Klopapier und WC-Stein-Werbung herhalten.

Die Kommerzialisierung der Meerjungfrau zielt heute vor allem auf erwachsene Frauen ab. Die müssen nicht mal hängengebliebene Disney-Fans sein. Klar, sowohl Einhorn als auch Meerjungfrau stehen als Fabelwesen für etwas Märchenhaftes, nach dem sich viele Menschen heutzutage sehnen. Für Träume und Weltflucht. Aber während das Einhorn als tierisches Fabelwesen quasi geschlechtslos ist, ist die Meerjungfrau als Mischwesen zwischen Mensch und Fisch zwar halb weiblich – aber vollkommen entsexualisiert. Wo ihre Vagina sein sollte, ist ein schuppiger Fischschwanz. Was sagt es also über erwachsene Frauen aus, wenn sie die Meerjungfrau zum Idealbild stilisieren? Ist das zusammen mit all dem bunten Kommerz eine Art Infantilisierung?

Wann geht dem Trend die Luft aus?

Muss nicht sein. Meerjungfrauen werden mythologisch oft mit den Sirenen gleichgesetzt. Die sollen mit ihrem betörenden Gesang vorbeifahrende Seefahrer zu sich gelockt und unter Wasser gezogen haben. Dass die da nicht atmen konnten – Pech. Meerjungfrauen können in dem Sinne gute Vorbilder sein, als emanzipierte Frauen, die den Ton angeben.

Nur wenn die Liebe ins Spiel kommt, dann sollten sich die heutigen Meerjungfrauen-Fans noch mal lieber das Ende von Hans Christian Andersens Märchen durchlesen. Da gibt die kleine Meerjungfrau viel auf, um bei ihrem geliebten Prinzen zu sein – und der heiratet eine andere. Eine tragische Geschichte darüber, wie man vor lauter Selbstaufgabe am Ende allein dasteht. Also liebe Meerjungfrauen da draußen: Nicht den Disney-Film mit Arielle und Happy End gucken! Lernt aus der harten Realität der Märchenvorlage. Und dann haut den Fischschwanz in die Tonne. Weil auf eigenen Beinen zu stehen, das fühlt sich doch immer noch am besten an, oder?

 

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