Angriff der Killertomaten – Hat die Filmkritik-Plattform Rotten Tomatoes ihren guten Ruf verdient?

Von Gregor Schmalzried

Rotten Tomatoes gilt als Revolution der Filmkritik. Sie ist die bekannteste Metakritik-Seite. Hier werden Filme als positiv oder negativ eingestuft. Daraus wird ein Prozentwert errechnet. Was nach einer unschuldigen Plattform klingt, wird für die Filmindustrie in Amerika immer mehr zu einem Politikum. 

Es war die Nicht-Geschichte des Kinojahrs. „Justice League“ ist ein Film, in dem sich eine Gruppe von Superhelden zusammenschließen muss, um eine Invasion von Außerirdischen aufzuhalten. Also alles wie immer eigentlich, nur diesmal mit Ben Affleck. Die Trailer waren öde und die Reviews durchwachsen, aber Aufregung gab es dennoch – nur ganz wo anders. Nachdem am Dienstag vor Kinostart die Kritiken zum Film veröffentlicht wurden, dauerte es ganze zwei Tage, bis auf Rotten Tomatoes die daraus errechnete Gesamtwertung erschien – mehr als unüblich. Die Wertung lang im Übrigen bei 40 Prozent. Das macht keinen guten Eindruck.

Dazu kommt, dass Warner, das Studio hinter Justice League, selbst an RottenTomatoes beteiligt ist. Ist die zeitliche Verzögerung ein Versuch, schlechte Presse zu verhindern? Nicht unvorstellbar, sagt Martin Moszkowicz, Filmproduzent und Vorstandsvorsitzender von Constantin Film: „Dass Filmstudios wie auch Verleiher versuchen, die öffentliche Wahrnehmung unserer Filme, in dem Bereich der möglich ist, dahingehend zu beeinflussen, zu welchem Zeitpunkt man Filme zum Beispiel vorführen kann, zu welchem Zeitpunkt man Pressevorführungen macht oder nicht macht und dass eine Firma, die einen Film hergestellt hat, auch kontrollieren möchte, wie der in der Öffentlichkeit ankommt – das halte ich für normal.“

Eine Tomate sie zu knechten

Und wie etwas ankommt – das wird in Hollywood immer mehr mit RottenTomatoes gleichgesetzt. Das Symbol der frischen Tomate, das gut besprochene Filme erhalten, ist mittlerweile schon auf Filmpostern zu finden.

Die Relevanz von Rotten Tomatoes bestätigt auch Martin Moszkowicz. „Der Prozentsatz von Rotten Tomatoes ist heute für einen 12- oder 13-Jährigen unter Umständen eine Entscheidung, sich einen Film anzuschauen oder nicht anzuschauen. Das war es vor einigen Jahren auf jeden Fall noch nicht. Ich glaube, dass sich da fundamental etwas verändert, hin zu einer etwas klareren aber auch oberflächlichen Betrachtung von Filmen als Ganzes, wo man eben nur noch auf die Gesamtzahl schaut und nicht mehr auf die Einzelkritik.“

Und je beliebter die Plattform wird, desto kontroverser wird sie. Nachdem im letzten Jahr „Batman v Superman“ mit einer vernichtenden Wertung von 27% bedacht wurde, verlangten zornige Fans in einer Petition die Abschaltung der Seite wegen einer ebenso schlechten Bewertung des Comic-Films „Suicide Squad“. Und X-Men-Regisseur Brett Ratner bezeichnete sie unlängst als „Verwüstung unseres Business“.

The Good, The Bad – und sonst nichts

Auch David Steinitz, Filmkritiker der Süddeutschen Zeitung sieht das Modell kritisch: „Es können dort nur Sachen gute Bewertungen bekommen, die eine möglichst große Masse an Menschen ansprechen und eine möglichst große Masse an Menschen sprechen natürlich Mainstream-Produkte an. Es ist allerdings die Frage, ob man so wirklich Kunstwerke bewerten kann, weil da natürlich vor allem Filme ohne Ecken und Kanten nach oben gespült werden.“

Das hat auch damit zu tun, dass Rotten Tomatoes binär funktioniert. Kritiker haben hier nur die Option, einen Film entweder als gut oder schlecht einzustufen – ohne Abstufung. Der neue Spider-Man-Streifen ist damit komfortabel bei 92% positiver Besprechungen gelandet, Darren Aronofskys provokatives Drama „Mother!“ bei 68%. Das ist zwar für viele Kritiker der bessere Film – aber eben auch der kontroversere. Gegen den neuen Spider-Man hat niemand etwas, egal ob man sich nach der nächsten Flut Superheldenfilme noch an ihn erinnert.

Aus großer Macht folgt große Verantwortung

Diese Verantwortung ist bei Rotten Tomatoes und einer binären Bewertung nicht immer am richtigen Platz, findet auch David Steinitz: „Es kann ja zum Beispiel auch ein Film handwerklich sehr toll gemacht sein, man kann aus sehr vielen Gründen finden, dass der wirklich tolle Regie hat, tolle Schauspieler, tolle Kamera, aber trotzdem selber sagen, gefällt mir nicht. Findet man jetzt in einer Prozentwertung bei Rotten Tomatoes nicht wiedergespiegelt.“

Filmfans sollten diese Bewertungen also mit Vorsicht genießen. Aber was ist mit dem normalen Kinopublikum? Wenn jemand Lust hat, eine neue Comicverfilmung zu sehen, wird er sich das wohl kaum von einer Filmkritik ausreden lassen – ob in Tomatenform oder als ausgefeilten Text.

„Justice League“ ist übrigens an den Kinokassen komplett untergegangen und das hat wohl weder mit den Kritiken zu tun noch mit dem Zeitpunkt, zu dem Rotten Tomatoes sie veröffentlichte. Sondern eher damit, dass anständige Menschen ihren Freunden keine schlechten Filme empfehlen und daran, dass Ben Affleck schon im Trailer aussah, als hätte er keine richtige Lust.

 

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