Drei Gründe, warum Childish Gambino das beste Musikvideo des Jahres gemacht hat

Der US-Alleskönner Donald Glover alias Childish Gambino beherrscht mit seinem Musikvideo „This Is America“ gerade das Internet. Nach zwei Tagen hat es bereits 30 Millionen Abrufe. Gambino zeichnet darin in nur 4 Minuten ein so präzises wie verbittertes Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit von Afroamerikanern in den USA. Das Musikvideo ist ein geniales Meisterwerk, sagt Alba Wilczek und erklärt warum.

Eine Lagerhalle, ein afroamerikanischer Mann tanzt oben ohne zu Gospelmusik. Kurz darauf bleibt er stehen, zieht eine Waffe und schießt seinem Gitarrenspieler in den Kopf. Der fällt tot vom Stuhl und aus Gospel wird krasser Trap. Boom. So startet das Musikvideo von „This is America“. Der Afroamerikaner mit der Waffe ist der Musiker und Künstler Childish Gambino, sein krasser Charakter im Video soll den weißen Teil der amerikanischen Gesellschaft verkörpern, von dem immer noch und immer wieder schwarze Landsmänner unterdrückt und manchmal umgebracht werden.

Childish Gambino heißt eigentlich Donald Glover und ist ein Alleskönner: Wenn er nicht gerade den Grammy gewinnt,  spielt er in Filmen mit oder dreht seine eigene Serie. In „Atlanta“, für die Glover sowohl vor als auch hinter der Kamera steht, zeigt er die Vielfalt schwarzer Lebensentwürfe in Amerika. Dafür hat es viele Golden Globes und Emmys geregnet. Kein Wunder: Der Typ ist einfach genial. Und immer on point. Besonders mit seinem neuen Track. Das Internet spricht seit gestern über nichts anderes. Warum?

Grund 1: Die Lyrics erzählen in aller Drastik von der Situation der Afroamerikaner in den USA

Donald Glovers Text erzählt, wie es eben so ist als Schwarzer in Amerika.

„Nicht, dass ihr da was falsch versteht, Leute. Für uns ist Amerika kein fröhliches Singen oder Tanzen. Nö, es ist rough. Die Polizei hat immer noch Vorurteile gegen uns. Wir gehen drauf, weil sie annimmt, dass wir alle kriminell sind. Waffen? Eigentlich scheiße. Aber anscheinend muss ich als Schwarzer ja eine tragen, damit ich nicht umkomme.“

So schildert Gambino die komplexe Situation der Afroamerikaner. Waffen, racial profiling und Polizeigewalt? Die Menschen interessieren sich lieber für banalere Themen. Es würde Ewigkeiten dauern, jede einzelne Anspielung zu erklären, die Gambino in den Lyrics macht. Wen’s interessiert: Unter #ThisIsAmerica diskutiert Twitter den Text rauf und runter.

Grund 2: Das Video quillt über vor Anspielungen

In nur vier Minuten erzählt uns Childish Gambino die Geschichte der Unterdrückung in krassen Bildern, die wehtun. Das Video ist fast gänzlich in einem one shot gedreht – und kommt, wie die Lyrics auch, mit einem Potpourri voller Referenzen.

Ein Gospel-Chor singt, Gambino tanzt und erschießt plötzlich alle mit einem Maschinengewehr. Klingelt’s? Richtig. Das Charleston-Church-Massacre 2015: Weißer Extremist erschießt schwarze Kirchengänger während des Gottesdienstes.

Oder der drollige Tanzstil und die verrückte Mimik von Donald Glover. Eine Anspielung auf sogenannte Minstrel Shows aus dem frühen 19. Jahrhundert, in denen Weiße sich über Karikaturen Schwarzer fast kaputt lachen konnten. Einer dieser stereotypen Figuren war Jim Crow, der Namensgeber für die Segregationsgesetze in den USA.

Und genau in dessen Signature-Pose erschießt Glover gleich am Anfang den Gitarrenspieler. Da ist das Video noch nicht mal 10 Sekunden alt. Schon jetzt genug Stoff für eine Doktorarbeit. Doch der eigentliche Clou kommt erst noch.

Grund 3: Und hinter allem steht eine geniale Message

Während Glover durch die Lagerhalle tanzt, rappt und komische Grimassen schneidet, bricht im Hintergrund das Chaos aus. Feuer, panisch herum rennende Menschen, Pferde, Autos und ein Mann, der Suizid begeht. Habt ihr nicht gesehen? Nö, ich beim ersten Mal auch nicht. Und das ist der Punkt.

Indem sich der Zuschauer auf die coolen Dance-Moves konzentriert, vergisst er glatt auf das eigentliche Geschehen zu achten. Glover zeigt: Ihr Menschen interessiert euch mehr dafür, wie sich jemand in Musikvideos bewegt und rappt, oder was er anhat, als dafür, was in eurer Welt, also im Hintergrund passiert. Wow. Das sitzt. This is America – das krasseste Musikvideo des Jahres. Oh, Donald Glover, du genialer Typ.

 

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Mehr in den Kommentarrichtlinien.
  1. „Wow. Das sitzt.“
    Soso…
    Bisschen zu wichtigtuerischer Beitrag, wie so oft bei Musik-Kritikern. Da wird sprachlich aufs Blech gehauen, um mit Superlativen die eigene Wichtigkeit hervorzustreichen.
    Zum Thema:
    Das Video ist von Technik und Regie her aufwendig, die dargestellten Morde sind erschreckend, brutal, abstoßend.
    Die Botschaft erschließt sich jemandem, der nicht native speaker ist, erst mal gar nicht. Insofern jedenfalls vielen Dank für die Erläuterungen, die es braucht, wenn man diese Kultur und die Sprache nicht sehr gut kennt.
    Ich stelle allerdings folgende Frage:
    Trägt dieses Video zu einer Lösung gesellschaftlicher Probleme und zu einer Befriedung bei, oder schafft es neue Wut und neue Aggressivität und neue Gewalt?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.