#failoftheweek: Apokalypse Now – Die DSGVO und das Ende des Internets

Das Ende naht, denn die Datenschutzgrundverordnung tritt in Kraft. Gott sei Dank hat Autor Christian Schiffer sich darauf gründlich vorbereitet. #digitalprepper

Ich sitze hier in meiner Wohnung. Ich habe Vorräte angelegt, 30 Liter Trinkwasser in Plastiktanks abgefüllt, die strategischen Reserven an Raviolidosen aufgestockt. Gerade lade mir die ganze zweite Staffel von „Westworld“ auf mein Tablet. Das muss schnell gehen. Denn wer weiß, wie lange es das Internet noch gibt.

Denn heute tritt sie in Kraft, die Datenschutzgrundverordnung und glaubt man einigen Mahnern, steht damit das Internet quasi vor dem Kollaps. Kleine Firmen werden eingehen, Blogs sowieso, Vereine auch, Visitenkarten wird man nicht mehr austauschen dürfen und Fotografen ihren Job nicht mehr machen können. Auf jeden Fall werden Abmahnanwälte alles kurz und klein hauen und es gehört nicht viel Fantasie dazu sich vorzustellen, dass der Datenverkehr irgendwann komplett zum Erliegen kommt.

Newsletterschutzgrundverordnung

Beunruhigende Erschütterungen des Internets gab es die ganze Woche schon. Zu Dutzenden erreichten mich Vorboten einer nahenden Krise. Mein Mailpostfach quoll über vor „Fuck, jetzt steht die Datenschutzgrundverordnung vor der Tür und wir brauchen Dein Einverständnis“-Mails.

Manche gaben sich zerknirscht, wie etwa Deliveroo: „Wir sind uns bewusst, dass du in letzter Zeit sehr viele E-Mails über Änderungen der Datenschutzbestimmungen erhalten hast. Hier bekommst du eine Weitere von uns.“ oder leicht panisch, wie das Hopp und Friends Content Haus, eine Storytelling Agentur: „Betreff: Datenschutz & Verzweiflung (bald bekommen Sie vielleicht keine E-Mails mehr von uns)“ oder irgendwie ironisch wie das Rationaltheater in München „Wenn Sie Fragen zum Schutz ihrer Daten haben, wenden Sie sich an die Europäische Union oder an den Chaos Computer Club“ oder lässig, weil gut vorbereitet, wie die die Streber von der TINCON-Konferenz in Berlin: „Da wir für unseren Newsletter immer ein Double-Opt-In-Verfahren genutzt haben, ihr die Bestellung also bestätigt habt, und wir außerdem auch immer einen ‚Abbestellen‘-Link in unseren News haben, gehen wir davon aus, dass ihr unsere Nachrichten auch weiterhin erhalten wollt.“

Die unerträgliche Leichtigkeit des digitalisierten Sein

Währenddessen geisterten Begriffe durch das Netz, die nichts Gutes verhießen, Begriffe wie „Kopplungsverbot“ oder „Auth-Cookies“. Dazu gerieten der Internet-Erklärer Sascha Lobo und der Europa-Abgeordnete Jan-Phillip Albrecht ordentlich aneinander, was ein episches Kommentar-Konvolut nach sich zog.

Blogs wurden abgeschaltet, Kommentare gelöscht und dann traf es auch noch Pafnet, ein soziales Netzwerk aus Pfaffenhofen, das es sogar schon länger gab als Facebook und welches bislang jede Internetkrise überlebt hatte – darunter die NSA-Affäre, das Leistungsschutzrecht, Snapchat und den Durchbruch der Youtube-Sternchen Unge und Bibi.

Wo kann der digitale Wanderer noch verweilen?

Die Vorhänge habe ich zugezogen, vorsichtig luge ich auf die Straße. Keine Ausschreitungen, keine Straßenbarrikaden, noch wirft die UN keine Pakete mit Milchpulver über der Stadt ab, Jod-Tabletten wurden auch noch keine verteilt. Einerseits erstaunlich, anderseits auch nicht, denn das Internet ist noch da, ich danke dem Herrn im Himmel! Ich ziehe mich vorsichtshalber in Facebook zurück, hier fühle ich mich sicher. Denn wenn etwas der Datenschutzgrundverordnung standhalten kann, dann ja wohl Mark Zuckerbergs blaue Seiten! Facebook wird schon genügend Anwälte haben, um einen langen Abnutzungskrieg um korrekt formulierte Datenschutzerklärungen zu führen und schlussendlich gewinnen zu können.

Jetzt sitze ich also hier in meiner dunklen Wohnung und warte auf das Ende des Internets und hoffe bibbernd vor mich hin: Vielleicht schiebt die Politik Abmahnern einen Riegel vor. Vielleicht verbessert das Gesetz wirklich unseren Datenschutz. Vielleicht kann ich bald wegen der Datenschutzgrundverordnung die Daten löschen, die die Polizei im Rahmen des neuen Polizeiaufgabengesetzes über mich sammelt… Wobei, nein, man muss realistisch bleiben. Auch in Krisenzeiten.

 

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