#failoftheweek: Warum der Satz „Wenn etwas umsonst ist, bist Du das Produkt“ Quatsch ist

„Wenn etwas umsonst ist, bist Du das Produkt“ stammt eigentlich aus der Zeit des Privatfernsehens. Aber erst jetzt im Internet-Zeitalter hat er eine steile Karriere hingelegt. Dabei ist er Quatsch, findet Christian Schiffer.

„Wenn etwas umsonst ist, dann bist Du das Produkt.“ Das ist der neue Powersatz in der jeder Feuilleton-Debatte zum Thema Internet. Und er hat einen zweiten Powersatz abgelöst, nämlich „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts.“ Jaron Lanier, der bekannte Internet-Skeptiker, hat sich „Wenn etwas kostenlos ist, bist Du das Produkt“ schon 2014 auf sein Buchcover drucken lassen. Spätestens damit ist dieser Satz hierzulande quasi zum Arschgeweih eines jeden Internet-Kritikers mutiert. Egal, ob in Zeit-Artikeln oder Deutschlandfunk-Features, egal, ob das Thema jetzt gerade WhatsApp ist oder Facebook, immer wieder fällt dieser eine Satz: „Wenn etwas umsonst ist, dann bist Du das Produkt.“

Und am arschgeweihigsten kommt der Satz immer dann, wenn er mit wichtigtuerisch, siebengescheit und mit größtmöglicher schlaubischlumpfhaftigkeit vorgetragen wird. Denn klar: Ihr Trottel da draußen, ihr Apfelsaftgesichter glaubt doch tatsächlich Facebook sei umsonst, haha, dabei seid ihr doch das Produkt, haha! Ihr Lappen.

Internet-Skeptiker Lanier will zahlen – vielleicht tut Facebook ihm den Gefallen

Jaron Lanier hat jetzt ein neues, übrigens durchaus lesenswertes Buch herausgebracht mit dem ausgesprochen social-media-kompatiblen Titel: „Zehn Gründe, warum du deine Social Media-Accounts sofort löschen musst.“ Und in diesem Buch braucht Lanier gerade einmal 35 Seiten, bis er den Leser endlich über den verblüffenden Sachverhalt aufklärt, dass er, wenn etwas umsonst ist, dass er, potzblitz, ja dass er dann selbst das Produkt ist.

Lanier selbst betont dann, dass er bei Social Networks sofort mit dabei wäre, wenn man ihn doch endlich zahlen lassen würde.

Und vielleicht geht sein sehnlichster Wunsch bald in Erfüllung, denn Facebook denkt darüber nach eine Abo-Version seines Dienstes einzuführen. In der Anhörung vor dem Senat sagte Mark Zuckerberg: „There will always be a version of facebook that is free.“

Es wird immer eine kostenlose Version von Facebook geben: Das kann man auch so verstehen, dass dies bald nicht mehr die einzige Version sein wird. Für etwa fünf Euro im Monat könnte man dann die blauen Seiten nutzen, werbefrei – und aufatmen: Endlich wäre man nicht mehr das Produkt, sondern ein ganz normaler Kunde.

Hinter „Wenn etwas umsonst ist, bist Du das Produkt“ steht die Überlegung, dass Nutzer von kostenlosen Diensten keine wirklichen Kunden seien, sondern eben Produkte, tumb und wehrlos und ja: auch ein bisschen dumm.

Echtes Geld statt Aufmerksamkeit – wird dann wirklich alles gut?

Und der Satz beinhaltet gleichzeitig das Versprechen, dass alles gut wird wenn man endlich mit echtem Geld bezahlt, anstatt mit seiner Aufmerksamkeit, sprich: über Werbung. Das Problem daran ist, dass dieses Versprechen in etwa so glaubhaft ist, wie das eines nigerianischen Prinzen, der einem per Mail für eine kleine Anzahlung einen gewaltigen Teil seines Milliarden-Erbes verspricht.

Also bleiben wir beim Beispiel Facebook: Es ist etwas naiv zu glauben, dass der bunte Strauß an Facebook-Problemen verschwinden würde, wenn man einen Fünfer im Monat für die blauen Seiten zahlen würde. Wenn Facebook Geld kosten würde, würden dann nicht trotzdem Daten erhoben werden, um den Newsfeed zu optimieren? Würden Medienhäuser, Influencer und Clickbaiting-Schleudern nicht trotzdem mit harten Bandagen um die Aufmerksamkeit des Nutzers kämpfen? Gäbe es dann keine Echokammern und Filterblasen mehr? Wäre es denn überhaupt gerecht, wenn die einen sich aus der Werbung freikaufen könnten und die anderen nicht? Und nicht zuletzt: Haben Unternehmen, die ihre Produkte für hartes Geld verkaufen, wirklich immer das Beste für ihre Kunden im Sinn? Ist Amazon jetzt datenschutzfreundlicher, weil man für Amazon Prime acht Euro im Monat bezahlt? Ist VW wirklich ehrlicher, weil man dort heute für sehr viel Geld nagelneue supersaubere Diesel-Fahrzeuge erwerben kann? Sind Fastfood-Restaurants und Zigarettenhersteller um das Wohl ihrer Kunden besorgter, weil man für ihre Produkte echtes Geld hinblättert?

Eigentlich müsste der Satz also richtig lauten: Ob etwas umsonst ist oder kostet, ist eigentlich wurst. Bezahlen muss nur einer – und das bist Du.

 

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