Wie sich Beatrix von Storch von einer Twitter-Nulpe zum Pro gemausert hat

Das Netz vergisst nichts. Auch keine Tweets von Beatrix von Storch – gleichwohl sie damals noch nicht von Storch hieß. Ein Blick auf einen Twitter-Account aus dem Jahr 2009 für den offensichtlich die Zugangsdaten fehlen. Von Lukas Graw

Das ist ein hilfeschreiender Tweet aus dem Jahr 2009. Der Account trägt den Namen Beatrix Oldenburg. Er postet – mittlerweile ins Leere führende – Links zur Homepage der Freien Welt. Er twittert gegen den Genderwahn, und gegen die Regierungsparteien. Die Frau auf dem Foto sieht aus wie eine jüngere Angela Merkel, ist aber eine jüngere Beatrix von Storch. Der Journalist Jonas Jansen von der FAZ hat den alten Account der heutigen AfD-Vizevorsitzenden gefunden. Und die zeigte sich damals noch etwas überfordert von den Sozialen Netzwerken und keinesfalls so souverän und aalglatt wie heutzutage.

Doch aus dem Jahr 2009 erstmal zurück in die Gegenwart. Die AfD-Vizevorsitzende Beatrix von Storch weiß, wie man in den Sozialen Medien provoziert: Auf Facebook laut über den Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an der deutschen Grenze nachdenken, auf Twitter zu Silvester über „barbarische, muslimische, gruppenvergewaltigende Männerhorden“ schimpfen. Und schon geht es rund in den Netzwerken. Die kalkulierte Empörung ist zu Recht groß über solche Äußerungen, wegen des Silvester-Tweets über die Männerhorden erstattete sogar die Polizei Köln Anzeige gegen die Politikerin.

Oft nah dran an der juristischen Grauzone

Doch ob von Storch nun wirklich mit Konsequenzen durch die Staatsanwaltschaft rechnen muss, ist nicht sicher. Denn die AfD-Politikerin, immerhin studierte Juristin, scheint recht erfolgreich darin zu sein, haarscharf vor der Grenze zwischen böser Polemik und strafrechtlicher Relevanz stehenzubleiben.

Aber auch von Storch hat Lehrgeld zahlen müssen: Denn irgendwo in den Tiefen des Kurznachrichtendienst schlummerte ein Account, der nur von Juni bis November 2009 aktiv war und offensichtlich der AfD-Politikerin von Storch gehört hat. Er lautet, in Anlehnung an ihren Jugendnamen (Herzogin Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Oldenburg – so viel Zeit muss sein) und getreu dem twitter‘schen Kürzungswahn: Beatrix Oldenburg.

Beatrix von Storchs erste Schritte in den sozialen Netzwerken

Der Inhalt des Accounts: Links auf Artikel der Freien Welt, eines konservativen, rechtspopulistischen Blogs mit dem Beatrix von Storch in Verbindung steht.

Es finden sich auch Zeichen dafür, dass ihr das mit den Sozialen Medien nicht immer so leicht von der Hand ging wie in den letzten Monaten. Denn wenn man ganz zum Anfang der 103 Tweets dauernden Karriere des Oldenburg-Accounts scrollt, finden sich jenseits von Tweets wie

oder

auch echte, von der Politik völlig losgelöste Gefühle:

Da steht man nun vor diesen Zeugnissen sozialmedialer Unerfahrenheit und fühlt sich ähnlich peinlich berührt, wie wenn man die eigenen ersten Tweets und Facebook-Posts anschaut. Und stellt sich dann die Frage, ob man es ihr vielleicht sogar positiv anrechnen soll, dass sie den Account noch nicht deaktiviert hat, womöglich weil sie zu ihrer Vergangenheit steht. Vielleicht möchte sie ein Zeichen setzen, dass es nie zu spät ist, ein erfolgreicher Social-Media-Influencer und Populist zu werden. Oder vielleicht hat sie einfach nur die Log-In-Daten zu ihrem Account vergessen.

 

Angriff der Killertomaten – Hat die Filmkritik-Plattform Rotten Tomatoes ihren guten Ruf verdient?

Von Gregor Schmalzried

Rotten Tomatoes gilt als Revolution der Filmkritik. Sie ist die bekannteste Metakritik-Seite. Hier werden Filme als positiv oder negativ eingestuft. Daraus wird ein Prozentwert errechnet. Was nach einer unschuldigen Plattform klingt, wird für die Filmindustrie in Amerika immer mehr zu einem Politikum. 

Es war die Nicht-Geschichte des Kinojahrs. „Justice League“ ist ein Film, in dem sich eine Gruppe von Superhelden zusammenschließen muss, um eine Invasion von Außerirdischen aufzuhalten. Also alles wie immer eigentlich, nur diesmal mit Ben Affleck. Die Trailer waren öde und die Reviews durchwachsen, aber Aufregung gab es dennoch – nur ganz wo anders. Nachdem am Dienstag vor Kinostart die Kritiken zum Film veröffentlicht wurden, dauerte es ganze zwei Tage, bis auf Rotten Tomatoes die daraus errechnete Gesamtwertung erschien – mehr als unüblich. Die Wertung lang im Übrigen bei 40 Prozent. Das macht keinen guten Eindruck.

Dazu kommt, dass Warner, das Studio hinter Justice League, selbst an RottenTomatoes beteiligt ist. Ist die zeitliche Verzögerung ein Versuch, schlechte Presse zu verhindern? Nicht unvorstellbar, sagt Martin Moszkowicz, Filmproduzent und Vorstandsvorsitzender von Constantin Film: „Dass Filmstudios wie auch Verleiher versuchen, die öffentliche Wahrnehmung unserer Filme, in dem Bereich der möglich ist, dahingehend zu beeinflussen, zu welchem Zeitpunkt man Filme zum Beispiel vorführen kann, zu welchem Zeitpunkt man Pressevorführungen macht oder nicht macht und dass eine Firma, die einen Film hergestellt hat, auch kontrollieren möchte, wie der in der Öffentlichkeit ankommt – das halte ich für normal.“

Eine Tomate sie zu knechten

Und wie etwas ankommt – das wird in Hollywood immer mehr mit RottenTomatoes gleichgesetzt. Das Symbol der frischen Tomate, das gut besprochene Filme erhalten, ist mittlerweile schon auf Filmpostern zu finden.

Die Relevanz von Rotten Tomatoes bestätigt auch Martin Moszkowicz. „Der Prozentsatz von Rotten Tomatoes ist heute für einen 12- oder 13-Jährigen unter Umständen eine Entscheidung, sich einen Film anzuschauen oder nicht anzuschauen. Das war es vor einigen Jahren auf jeden Fall noch nicht. Ich glaube, dass sich da fundamental etwas verändert, hin zu einer etwas klareren aber auch oberflächlichen Betrachtung von Filmen als Ganzes, wo man eben nur noch auf die Gesamtzahl schaut und nicht mehr auf die Einzelkritik.“

Und je beliebter die Plattform wird, desto kontroverser wird sie. Nachdem im letzten Jahr „Batman v Superman“ mit einer vernichtenden Wertung von 27% bedacht wurde, verlangten zornige Fans in einer Petition die Abschaltung der Seite wegen einer ebenso schlechten Bewertung des Comic-Films „Suicide Squad“. Und X-Men-Regisseur Brett Ratner bezeichnete sie unlängst als „Verwüstung unseres Business“.

The Good, The Bad – und sonst nichts

Auch David Steinitz, Filmkritiker der Süddeutschen Zeitung sieht das Modell kritisch: „Es können dort nur Sachen gute Bewertungen bekommen, die eine möglichst große Masse an Menschen ansprechen und eine möglichst große Masse an Menschen sprechen natürlich Mainstream-Produkte an. Es ist allerdings die Frage, ob man so wirklich Kunstwerke bewerten kann, weil da natürlich vor allem Filme ohne Ecken und Kanten nach oben gespült werden.“

Das hat auch damit zu tun, dass Rotten Tomatoes binär funktioniert. Kritiker haben hier nur die Option, einen Film entweder als gut oder schlecht einzustufen – ohne Abstufung. Der neue Spider-Man-Streifen ist damit komfortabel bei 92% positiver Besprechungen gelandet, Darren Aronofskys provokatives Drama „Mother!“ bei 68%. Das ist zwar für viele Kritiker der bessere Film – aber eben auch der kontroversere. Gegen den neuen Spider-Man hat niemand etwas, egal ob man sich nach der nächsten Flut Superheldenfilme noch an ihn erinnert.

Aus großer Macht folgt große Verantwortung

Diese Verantwortung ist bei Rotten Tomatoes und einer binären Bewertung nicht immer am richtigen Platz, findet auch David Steinitz: „Es kann ja zum Beispiel auch ein Film handwerklich sehr toll gemacht sein, man kann aus sehr vielen Gründen finden, dass der wirklich tolle Regie hat, tolle Schauspieler, tolle Kamera, aber trotzdem selber sagen, gefällt mir nicht. Findet man jetzt in einer Prozentwertung bei Rotten Tomatoes nicht wiedergespiegelt.“

Filmfans sollten diese Bewertungen also mit Vorsicht genießen. Aber was ist mit dem normalen Kinopublikum? Wenn jemand Lust hat, eine neue Comicverfilmung zu sehen, wird er sich das wohl kaum von einer Filmkritik ausreden lassen – ob in Tomatenform oder als ausgefeilten Text.

„Justice League“ ist übrigens an den Kinokassen komplett untergegangen und das hat wohl weder mit den Kritiken zu tun noch mit dem Zeitpunkt, zu dem Rotten Tomatoes sie veröffentlichte. Sondern eher damit, dass anständige Menschen ihren Freunden keine schlechten Filme empfehlen und daran, dass Ben Affleck schon im Trailer aussah, als hätte er keine richtige Lust.

 

Eine Facebook-Real-Satire: Wir haben drei Wochen auf dem Facebook-Profil von Söder verbracht, damit ihr es nicht tun müsst

Vergesst Dagi Bee, Justin Bieber und Taylor Swift. Wenn es eine prominente Person schafft, die eigene Zielgruppe über Social Media anzusprechen, dann ist es Dr. Markus Söder. Das beweist sein Facebook-Profil. Von Sebastian Spallek

Was ist nur aus Horst Seehofer geworden? Die Umfragen sind im Keller, bei den Koalitionsverhandlungen mucken Grüne und FDP auf und selbst die Jungspunde von der JU finden ihn mittlerweile so last year, halt so vong Gefühl her. Wie ein verängstigtes Reh steht er da und muss seinem Jäger in die tiefen braunen Augen schauen. Der Name des Jägers lautet Dr. Markus Söder.

Dr. Söder ist das ultimative Lokalkolorit, der unermüdlich auch die kleinste Kirwa (fränkisch Kærwa) besucht. Keine Einweihung wird ausgelassen. Kein Volksfest, dem er nicht seine schlauen Gedanken schenkt. Und wenn es der ewig volle Terminkalender vorsieht, dann noch auf eine Goaßmaß mit dem Bürgermeister. Der Heimatminister halt: Das alles wird fotografiert, kommentiert und natürlich upgeloadet. Soll der Horst doch mal liken wie volksnah ich, Markus, schon wieder bin.

Moment, Horst Seehofer besitzt ja nicht mal einen Twitter-Account. Die Zeichen der Zeit nagen an diesem Mann, was ein Disapointinger. Söder dagegen ist voll Trekki-, Elvis-, und Franz-Josef Strauß-Fan. Das lässt die Teenie-Herzen der JU höher schlagen. Der hat 1live! Und er ist viele. Zumindest im fränkischen Fasching ist er Punker! Drag Queen!!! Shrek und Mahatma Ghandi!!!! Edmund Stoiber!! Wowwww! Dr. Söder mag Fasching, trägt Trachtenjanker und hat ein uneheliches Kind. Herrgottsakra und ja mei, so modern ist halt die CSU. Und Horst Seehofer? Muss sich das Social-Media Power-Play traurig mit anschauen. Denn auf Facebook ist Influencer Dr. Söder zuhause. Das ist seine politische Arena. Er will uns mit seinem Social-Media-Auftritt kapern. Klappt richtig gut.

 

27. Oktober – Die Fußgängerzone

Gedanken zu Jamaika …

Posted by Markus Söder on Friday, October 27, 2017

 

Dr. Söder in der Nürnberger Fußgängerzone. Heute mal nachdenklich. Jetzt ein Statement platzieren. An so einem Tag ganz leger gekleidet und bloß nicht zu fancy: Marineblaues Hemd, aufgeknöpft, darüber sein schwarzer Allrounder. Söder stimmt uns auf die Herbstferien ein und freut sich. Er hat ja schon sein Abi in der Tasche (Notendurchschnitt 1,3!) und strahlt das auch aus. Bevor uns Dr. Söder ins Wochenende entlässt, hebt er aber noch kurz den Zeigefinger und deutet damit nach Jamaika-Berlin. Immer schön daran denken: Die Wähler haben GEGEN mehr Zuzug gestimmt. Gell?

 

29. Oktober – The Life of Markus

Das T-Shirt habe ich geschenkt bekommen. Ein gutes Motto😄

Posted by Markus Söder on Sunday, October 29, 2017

 

Geiles Motto, noch nie gehört: „Always look on the bright side of life“ – immer schön positiv. Die heutige Mission also: Ein bisschen Lebenshilfe. Lol, ist ja irgendwie auch eine direkte Message an den Seehofer, Horst. Tolles Geschenk auf jeden Fall, so ein Shirt mit Motto! Auf Englisch. Auch in Franken ist man sehr international! Ein bisschen eng ist es, das Shirt mit dem Monty Python Zitat. Wir Franken sind halt Lebemänner. Und uns Friends sagt das Bild: Leute, alles easy. Wenn ich erst mal am Drücker bin, dann werden alle happy.

 

31. Oktober – Der Reformationstag

Oh, Männo, 07:06 Uhr! In aller Früh beginnen heute die Feierlichkeiten zum Reformationstag. Jetzt locker bleiben. Ganz lässig schreitet Dr. Söder die Stufen hinab. Erinnert an Bono.

Gedanken zum heutigen Reformationstag …

Posted by Markus Söder on Monday, October 30, 2017

 

Aufgabe heute: Innehalten, tief schürfen, ein Tag für Botschaften! Aber nicht zu schwer, leutselig bleiben. Ein kleines Schwänkchen aus dem Leben könnte helfen. Hier in dieser Kirche, da haben sich Mama und Paps das Ja-Wort gegeben. Nice Anekdote, dazu benutzt Dr. Söder die linke Hand zum Gestikulieren und die rechte bleibt spitzbübisch in der Jackentasche vergraben. Zum Schluss noch Versöhnliches, Umarmendes, ein Landesvater muss auch ausgleichen können. Dr. Söder entschwebt, nimmt kurz die Meta-Perspektive ein und weiß, dass es dem lieben Gott doch bestimmt schnuppe ist, ob katholisch oder evangelisch. Alle die lieb sind, kommen in den Himmel. (Genialer Schachzug vom lutherischen Söder!)

 

2. November – Digitalisierung, das schmeckt mir!

Der Brückenkopf von Nürnberg nach Tel Aviv – da muss man zeigen: Es ist ein persönliches Anliegen für Dr. Söder.

Erstflug von Nürnberg nach Tel Aviv: Germania fliegt künftig zweimal pro Woche direkt nach Tel Aviv, Israel. Jetzt einen…

Posted by Markus Söder on Thursday, November 2, 2017

 

Digitalisierung, eine starke IT-Gründerszene und natürlich lecker Kuchen direkt am Rollfeld. Mmmh, das schmeckt. Auch hier keine Krawatte – lässig. Dafür blitzblanke Schuhe – stilsicher. Dr. Söders Blick will uns sagen: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Wo auch sonst?

 

6. November – Der Schnaps 

Dr. Söder ist heute ganz der volksnahe Volksvertreter: Er steht in fescher Tracht und mit Indiana Jones Hut neben einem Fiaker mit noch fescheren Dirndln darauf. Eine Zeitung ist dabei und schießt Bilder.

Im April habe ich der Tölzer Leonhardifahrt den Heimatpreis Oberbayern verliehen, heute durfte ich die beeindruckende…

Posted by Markus Söder on Monday, November 6, 2017

 

Dr. Söder wird mit einem Stamperl Schnaps begrüßt. Es gibt stark gemischten Mexikaner. Mein Gott, wie es da regnet. Haltung bewahren. Jetzt zeigen, dass wir uns auch von Güllewetter nicht die Laune verhageln lassen. Sturmfest sein. Die wichtigste Regel beim Fortgehen: Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung.

 

10. November – Die Steuerschätzung

Ärmel hochgekrempelt und die pinke Partykrawatte angelegt. Noch einen Sip aus der NASA-Sieger-Tasse – Söder, die Rakete der guten Laune, startet ins Wochenende.

Aktuelle Steuerschätzung bringt auch für Bayern ein gutes Ergebnis: wir rechnen mit rund 600 Millionen Euro mehr…

Posted by Markus Söder on Friday, November 10, 2017

 

Geld, Geld, Geld. 600 Mille. Bei so viel Asche ist Dr. Söder happy. *Grins*

 

12. November – Die Messe

Sonntagmorgen, Andacht-Time. Hosianna, Dr. Söder ist da! Die Gemeinde auch. Rauf auf die Kanzel in Oberstaufen und preachen. Über ihm schwingt der Heiligenschein, hinter ihm steht ein Xylophon. Ein Blick in das Publikum zeigt: Kirchenflucht adé. Full House, weil Eventcharakter!

Kanzelrede in Oberstaufen: lassen wir uns auf Gott ein – er wird uns führen. Wir können auf ihn bauen

Posted by Markus Söder on Sunday, November 12, 2017

 

 

15. November – Der Fasching

Fette Gaudi im Büro vom Heimatminister. Klausentreiben – geil! Tolle Kostüme, zum nächsten Frankenfasching als Klaus gehen, das wärs! Dr. Söder hält volksnah seine Rute. Will sagen: Obacht Berlin, genug eingesteckt, bald wird ausgeteilt!

Besuch beim Heimatminister: Heute haben mich die Erkheimer Klausen mit dem Heiligen Nikolaus und den Bärbele in Begleitung von Klaus Holetschek besucht. Die Klausen ziehen nach alemannischem Winterbrauch durch das Allgäu. Mit ihrem Schellengetöse sollen sie die Wintergeister vertreiben. Am 5. und 6. Dezember haben sie aber auch Nüsse, Äpfel, Orangen und Süßigkeiten für die Kinder dabei.

Posted by Markus Söder on Wednesday, November 15, 2017

 

 

Drei Wochen mit Dr. Söder – alles gesehen, vieles geliket. Meine Timeline ist voll mit ernsten Worten, funny Sprüchen, lecker Essen und bissl Politik. Der Mann ist eine Social Media Maschine und weiß sich in Szene zu setzen. Und wenn der Facebook-User mal turkey kriegt: Dr. Söder ist auch auf Instagram. Über 1.700 Fotos hat er da. Voll gut.

 

Wut als Lifestyle – Wieso wir Wut reclaimen müssen

Früher war Rage eine Voraussetzung für die Punk und Hip-Hop Szene. Jetzt haben besorgte Bürger verschiedenster Arten die Wut für sich entdeckt und – und scheinbar gepachtet. Maria Fedorova will der Wut eine Image-Verbesserung verpassen.

Prophets of Rage The Debut Album Out Now Link In Bio

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Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich die Band Rage Against The Machine entdeckt habe, auf der CD mit dem Matrix-Soundtrack, zusammen mit anderen 90er Hardcore Bands. Diese wütende Musik war ein perfektes Ventil für meinen Teenager Zorn – und eine starke politische Botschaft zugleich. Wütend auf die Politik sind Rage Against The Machin“ immer noch. Zusammen mit B-Real von Cypress Hill und Chuck D von Public Enemy erklären sie sich sogar zu den „Prophets of Rage“ und haben eine Anti-Trump Protest-Platte veröffentlicht.

Meine Vorfreude war groß, das Ergebnis ist aber ziemlich ernüchternd. Prophets of Rage ist eins der schlechtesten Alben, das ich in der letzten Zeit gehört habe. All ihre Wut hat die Band auf die plumpen, banalen „Whut the fuck“-Botschaften reduziert. Leider. Aber genau damit treffen sie den Nerv der Zeit.

Die blanke Wut liegt jetzt im Trend

Man ist wütend auf die Eliten, auf die Presse, auf Frauen oder Ausländer. Populisten reiten diese Welle, die Wutbürger verschiedenster Arten nach oben gespült hat. Der Wutbürger, das war mal ein Stuttgart 21-Gegner. Jetzt geht er auf die Pediga-Demos, pöbelt und macht in Ostdeutschland die Wahlkampfauftritte der etablierten Parteien zum Spießrutenlauf. Deutsche Wutbürger finden auch im Ausland Brüder im Geiste: PC-Gegner und Hate-Speakers, Brexit-Befürworter, Trumpisten, Nationalisten, christliche Fundamentalisten. Die Liste dieser –Isten ist lang und hier zeigt die Wut ihre hässliche Seite.

Spätestens an dieser Stelle sollte einem klar werden, dass man gelassen, ja besonnen bleiben muss. Laut sein hilft nicht immer, es gibt zu viel Aggression auf dieser Welt und… ach Quatsch, ich bin doch auch wütend. Ziemlich oft sogar.

Aufregung ist ja auch eine Regung

Zum Beispiel jedes Mal wenn ich menschenverachtende Parolen auf Wahlplakaten lese. Oder mir – schon wieder – die neue Rede von Donald Trump auf YouTube reinziehe. Brauche ich also dringende eine Wut-Management-Therapie? Von wegen. Ärger und Zorn sind produktiv für die emanzipatorische Haltung, mal pädagogisch ausgedrückt. Wut hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun, die schon immer eine Triebkraft für die Pop-Kultur war. 70er Punks haben Gitarren zertrümmert und gegen Konservatismus rebelliert. Wut treibt Aktivisten auf die Straße, um die Wall Street zu okkupieren, genauso wie Feministinnen, die für die Frauenrechte kämpfen.

Heute thematisiert die Black Lives Matter Bewegung immer wieder Black Rage, als Reaktion auf die polizeiliche Gewalt. Bernie Sanders spricht über die Wut der amerikanischen Bürger und fordert Wirtschaftsreformen. Und Jeremy Corbyn unterstürzt  die regierungskritische Demo „Day of Rage“, die nach dem Brand im Grenfell Tower organisiert wurde. Damit zeigen auch links-liberale Politiker: Es kommt nicht auf die Wut an – sondern auf die Art, wie man sie ausdrückt.

In diesem Sinne ist es vielleicht doch eine gute Idee das neue Album von Prophets of Rage zu hören. Denn sie zeigen, dass political rage im Jahr 2017 neue Ausdrucksformen braucht, die von dem Wutbürgertum noch nicht entdeckt wurden. Die flachen Anti-Establishment Parolen und das martialische Image sind dagegen ein direkter Weg in die Worst-of Hitparade.