#failoftheweek: Warum die Kritiker von „Bavaria One“ mal schön auf dem Boden bleiben sollten

Mit „Bavaria One“ rast Markus Söder als Meme durchs Netz und die ganze Republik klopft sich auf die Schenkel. „Falsch!“, findet Christian Schiffer. Denn die Häme gegenüber dem Bayerischen Raumfahrtprogramm „Bavaria One“ ist ungerecht, dumm und gefährlich.

Er ist schon lustig, der Sketch in dem Fritz und Elmar Wepper mit der Bavaria Shuffle 1 durch das All fliegen. Gerade wird dieses eigentlich längst vergessene Kleinod deutscher Bewegbildunterhaltung durch die Netzwerke gereicht, um kübelweise Häme auszuschütten über das Bayerische Raumfahrtprogramm Bavaria One und über Markus Söder.

Es ist ja auch soooo lustig: Ein Bayerisches Raumfahrtprogramm! Jetzt sind sie wirklich total größenwahnsinnig geworden, die depperten Bayern, ja und wo genau hängt dann eigentlich das Kruzifix in der Bavaria One? Und dann dieses Logo!

Bavaria One – Mission Zukunft/Bild:Twitter

Söder im NASA-Stil! Ausgedacht von der Jungen Union. Hubert Aiwanger, der Spitzenkandidaten der Freien Wähler, rückt Markus Söder deshalb sogar in die Nähe von Diktatoren:

 “Wenn er sich vor einem riesigen, eigenen Bild fotografieren lässt, das ausschaut, wie der nordkoreanische Präsident, dann hat er das Fingerspitzengefühl verloren.“           

– Hubert Aiwanger, Freie Wähler

https://twitter.com/w_sportler/status/1047573093760344066

Hallo? Kann man nicht froh sein, dass die JU Markus Söder im Star Trek-Style zeigt, statt wie früher á la Game of Thrones? Aber noch viel fataler als diese ausgeprägte Polit-Sauertöpfigkeit ist, wie man sich über das eigentliche Vorhaben lustig macht. Der Freistaat möchte in den nächsten Jahren 700 Millionen Euro für Bavaria One ausgeben, Professuren sollen entstehen, die Forschung für den Hyperloop ausgebaut werden, mit Hilfe von Satelliten sollen Daten gewonnen werden, um den Einsatz von Schädlingsbekämpfungs- und Düngemitteln zu reduzieren, Schülerinnen und Schüler sollen die Kamera auf dem Satelliten steuern können und so für die Raumfahrt begeistert werden. Kurz gesagt: Vermutlich wurden im Freistaat Bayern nie zuvor 700 Millionen sinnvoller investiert. Doch nun heißt es, dass man mit dem Geld doch auch Pflegekräfte oder dringend benötigten Wohnraum bezahlen könnte. Ja könnte man, noch besser allerdings wäre es, man bezahlt beides und spielt nicht Forschung gegen Soziales aus.

Wenn Barack Obama über selbstfahrende Autos spricht, wenn Justin Trudeau die Funktionsweise eines Quantencomputers erklärt, wenn Elon Musk Teslas ins All schießt oder Emanuel Macron über Frankreichs nationale KI-Strategie parliert, dann werden sogar die größten Technikskeptiker hierzulande manchmal ganz wuschig. Doch kaum sagt man jemand „Flugtaxi“ oder will Geld in die Raumfahrt stecken, beömmeln sich schon wieder alle, nur um sich ein paar Jahre später darüber aufzuregen, dass das neue Google schon wieder nicht aus Deutschland kommt. Zumindest was Kleingeistigkeit angeht, dringen wir gerade in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

 

#failoftheweek: Das BundesBER-Desaster

In Niedersachsen kämpft die Bundeswehr seit zwei Wochen gegen einen Moorbrand – und verliert. Das Versagen an der Feuerfront passt ins Bild, denn für unsere Streitkräfte läuft es gerade nicht gerade rund, findet Christian Schiffer.

tagesschau moorbrand niedersachsen

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Seit knapp zwei Wochen brennt in Niedersachsen nun also schon ein Moor. Jetzt sollen das Bundeswehr-Kommando „Territoriale Aufgaben“ in Berlin und Spezialpioniere aus Husum die Brandbekämpfung unterstützen, das Logistikbataillon Delmenhorst wurde bereits in Alarmbereitschaft versetzt, rund 1.000 Einsatzkräfte sind gerade vor Ort, die in der Minute 20.000 Liter Löschwasser verballern, kurz gesagt: Die Bundeswehr kämpft mit allen Mitteln gegen einen Moorbrand – und verliert. Immerhin aber konnte die Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) schon einen kleinen Erfolg an der Feuerfront vermelden: Man habe verhindern können, dass der Brand sich auf die angrenzen Wälder übergreift. Puh, noch mal Glück gehabt… alles unter Kontrolle!

Also gut, weitergehen, weitergehen! Hier gibt es nicht das Geringste zu sehen, Leute!

Natürlich fragt man sich, wie so ein Moor überhaupt brennen kann, denn eigentlich sind Moore ja per Definition nasse Lebensräume. Aber der abgelagerte Torf widerum brennt ausgesprochen gut, vor allem in heißen Sommern. Dass dieser Sommer besonders trocken war, das hätte sich ruhig auch bis zur Bundeswehr rumsprechen können, dass in dem Moor deswegen Rauchverbot herrscht, eigentlich auch. Trotzdem testete die Bundeswehr in der leicht entflammbaren Gegend Raketen und vergaß dann auch noch die Löschraupe mitzubringen. Und weil das alles jetzt nicht den allerprofessionellsten Eindruck macht, entschlossen sich die Bundeswehr-Verantwortlichen die Behörden besser erst einmal nicht über das vor sich hinkokelnde Schlamassel zu informieren. Das niedersächsische Innenministerium erfuhr von dem Brand erst, als die deutschen Streitkräfte mehr Feuerwehrmaterial anfordern mussten.

Früher, da konnte man sich in diesem Land wenigstens auf ein paar Basics verlassen: Die Nationalmannschaft übersteht die Vorrunde einer WM, Flughäfen werden fertig, Moor brennt nicht, wer Mist baut, wird nicht hochgemaaßt, die Bundeswehr schleppt Sandsäcke und verhindert so Katastrophen, anstatt selbst welche auszulösen. Heute ist das anders und bezüglich der Bundeswehr passt ganz gut ins Bild, dass sie sich, wenn sie nicht gerade sumpfähnliche Landschaften in Brand steckt, Kleinkriege mit Netzaktivisten liefert oder an ihren Sturmgewehren verzweifelt. Ach, und letztens ist dann auch noch eine ihrer Flugabwehrraketen auf einer Bundeswehr-Fregatte in die Luft gegangen.

Oh Scheiße, Feuer auf Schiff!

Man hat den Eindruck, dass die Bundeswehr immer mehr zum BundesBER mutiert, zum Berliner Flughafendesaster unter den gesellschaftlichen Institutionen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Moorbrand in Niedersachsen schneller gelöscht wird, als in Berlin ein neuer Airport eröffnet.

 

#failoftheweek: Warum Elon Musk gerade dabei ist, seinen Titel als coolster Milliardär zu verlieren

Elon Musk galt lange Zeit als Superstar des Silicon Valley und als sympathischster Milliardär überhaupt. Doch in letzter Zeit ist er etwas dünnhäutig geworden, findet Christian Schiffer.

Leckomio, war das cool, lieber Elon Musk! Im Februar erst hast Du einen Tesla ins All geschossen, ein Tesla, in dessen Autoradio David Bowie lief und auf dessen Videobildschirm „Don’t panic“ prangte und das Ganze mit Hilfe einer Raketen, die danach zumindest teilweise sanft wie eine Feder wieder auf der Erde landeten.

Und das war ja nur eine Deiner Wahnsinnsaktionen. Du bist wie Tony Stark alias Iron Man ein Milliardär, der Science-Fiction-Zeug möglich macht – nur halt in echt und mit Twitter-Account. Per Hyperloop willst Du futurama-mäßig Menschen durch Vakuumröhren schicken, mit bis zu 1200 km/h! Praktisch: Wir könnten uns dann quasi eine Wohnung irgendwo in der bulgarischen Donautiefebene mieten und zum Arbeiten dann jeden Morgen lässig nach München pendeln. Und dann bringst Du endlich auch etwas Glamour und Klatsch in diese bieder-technokratische Silicon-Valley-Welt:

Du bist jetzt nämlich mit der Sängerin Grimes zusammen, davor warst Du mit der Schauspielerin Amber Heard zusammen, die selbst mal mit Johnny Depp zusammen war. Grimes hast Du auf Twitter kennengelernt hast, weil sie dort einen guten Witz über künstliche Intelligenz gemacht hat. Auch cool: Wie Du mit den Schlipsträgern umspringst! Letztens hast Du bei einer Telefonkonferenz Fragen zu irgendwelchen Kapitalinvestitionen einfach abgewürgt und als „langweilig“ und „blöd“ bezeichnet.

Ja, in etwa so machen wir das auch immer, wenn die Bank uns nervt mit Fragen zu unserer Liquidität. Das Problem ist nur, dass sich Investoren nicht so leicht abwimmeln lassen und vor allem auch nicht Journalisten und so werden nun immer mehr „langweilige“ und „blöde“ Fragen gestellt: Nach der hinterherhinkenden Produktion bei Tesla, nach Sicherheitsmängeln in Deinen Fabriken, nach Unfällen Deiner Autos. Und natürlich hat auch das Celebrity-Dasein seine Schattenseiten: Letztens hieß es zum Beispiel, Du seist auf einer Sex-Party gesehen worden, die aber in Wirklichkeit wohl eine stinklangweilige Nerd-Sause war. Und dann hieß es auch noch, dass der Bremsweg beim Model 3 zu lang sei. Irgendwann ist Dir letztens dann die Hutschnur geplatzt und Du hast Dich hinreißen lassen zu einem geradezu Trump-esken Twitter-Vomitus:

Und zum Schluss hattest Du wieder eine Idee, nur dass die nicht ganz so cool ist wie zum Beispiel Röhren, die Menschen mit 1200 km/h durch ein Vakuum schießen: Du möchtest jetzt „Prawda“ gründen, das soll ein Portal werden, auf dem man Medien bewerten kann. „Prawda“, das ist russisch und bedeutet so viel wie Wahrheit, so hieß das Zentralorgan der KPDSU zu Sowjetzeiten. Und plötzlich bist Du doch nicht mehr der coolste Milliardär der Welt, sondern ein dünnhäutiger CEO, der pauschal auf „die Medien“ schimpft und auf Kritik an seinem Unternehmen mit einer Seite reagieren möchte, auf der man dann die Kritiker kritisieren darf.

Dabei haben die entsprechenden Medien Tesla doch gerade erst wieder gelobt! Der Bremsweg beim Model 3 sei nun viel kürzer, dank eines Software-Updates, das in den Kunden auf ihre Autos gespielt wurde – einfach so! Leckomio, da ist sie dann doch wieder aufgeblitzt, die Coolness! Und so hoffen wir inständig, dass Du bald wieder ganz der alte bist.

 

#failoftheweek: Was es heißt, wenn Google bald für uns telefoniert

Diese Woche hat Google eine Software vorgestellt, die fast genau so gut telefoniert wie ein Mensch. Das ist faszinierend und trotzdem wünscht sich Christian Schiffer eine Hotline für die großen Fragen der Zukunft.

„Wenn man Sachen erledigen muss, ist ein großer Teil davon das Telefonieren.“
– Google-Chef Sundar Pichai

Ja, manchmal muss man auch heute noch zum Telefonhörer greifen, um etwas zu erledigen und ja, das nervt. Doch Google-Chef Sundar Pichai präsentierte diese Woche auf der Entwicklerkonferenz des Konzerns eine Lösung: Eine Software, die für einen telefoniert und sogar Friseur-Termine ausmachen kann.

Google streut extra „Ähs“ und „Mhms“ ein

Google Duplex heißt dieses Wunderding und es kann fast genauso gut telefonieren wie ein Mensch. Nicht nur, dass die künstliche Intelligenz versteht, was der Andere am Ende der Leitung sagt und entsprechend darauf eingehen kann. Nein, Google Duplex streut sogar extra „Ähs“ und „Mhms“ ein, damit die Stimme auch so richtig authentisch menschlich rüberkommt. Das ist gut. Das ist sophisticated. Auf der Google Homepage gibt es Hörbeispiele und man kann wohl sagen, dass die Zeiten der blechernen Computerstimmen vorbei sind:

Auch Facebook und Microsoft haben diese Woche zu Entwicklerkonferenzen eingeladen. Facebook stellte den gefühlt 478. Verkupplungsdienst für das Internet vor, nur dass Facebooks Verkupplungsdienst, Überraschung, über Facebook läuft. Und Microsoft? Die präsentierten unter anderem eine Software, mit der chinesische Drohnen in der Lage sind, Schäden an Rohrleitungen zu erkennen. Aha.

Anwendungsszenario: Man könnte die Software die Anrufe bei den Eltern erledigen lassen

Bei Google Duplex hingegen fallen einem gleich mehrere Anwendungsszenarien für Otto-Normal-User ein: Man könnte die Software bei Hotlines anrufen lassen. Und wenn dort wieder nur ein Computer hingeht, dann könnten die Computer alles Weitere unter sich klären. Man könnte bei seinen Eltern anrufen, ohne bei seinen Eltern anzurufen – und diese Eltern könnten wiederum eine KI beauftragen, um mit dem Nachwuchs zu sprechen ohne mit dem Nachwuchs zu sprechen. Kurz gesagt: Man könnte seine Telefonphobie überwinden, ohne seine Telefonphobie zu überwinden. Das Paradies wäre nah: Jeder wäre dauernd mit jedem in Kontakt und könnte gleichzeitig in Unterhosen in der Garage stehen und zum Beispiel home brewing betreiben.

Aber das Ganze würde beim Telefonieren ja nicht aufhören: Radiobeiträge könnten in Zukunft von einer KI gesprochen werden, die das viel besser kann als ein menschlicher Sprecher, der es beispielsweise nie hinbekommen das Wort „Chirurg“ richtig auszusprechen und dauernd „oooob“ sagt, statt „ob“.

Müsste der Roboter nicht einmal kurz darauf hinweisen, dass er ein Roboter ist?

Es gibt nur ein kleines Problem bei dieser Technik. Die Politik und die Gesellschaft sind wieder mal in etwa so schlecht darauf vorbereitet, wie 1860 München für die dritte Liga. Denn natürlich lädt eine solche Technologie auch zum Missbrauch ein.

Müsste eine KI vor einem Anruf nicht zumindest einmal kurz erwähnen, dass sie eine KI ist? Will man wirklich, dass eine KI mit seiner eigenen Stimme eine Telefonsex-Angebot betreibt oder in Moe’s Taverne anruft, um zu fragen, ob hier jemand da ist der „Reinsch heißt“?

Dazu gab es auf dem Google Event nichts zu hören. Schade eigentlich, dass es für die großen Fragen der Zukunft keine Hotline gibt, bei der man einfach mal anrufen kann.