#failoftheweek: Was es heißt, wenn Google bald für uns telefoniert

Diese Woche hat Google eine Software vorgestellt, die fast genau so gut telefoniert wie ein Mensch. Das ist faszinierend und trotzdem wünscht sich Christian Schiffer eine Hotline für die großen Fragen der Zukunft.

„Wenn man Sachen erledigen muss, ist ein großer Teil davon das Telefonieren.“
– Google-Chef Sundar Pichai

Ja, manchmal muss man auch heute noch zum Telefonhörer greifen, um etwas zu erledigen und ja, das nervt. Doch Google-Chef Sundar Pichai präsentierte diese Woche auf der Entwicklerkonferenz des Konzerns eine Lösung: Eine Software, die für einen telefoniert und sogar Friseur-Termine ausmachen kann.

Google streut extra „Ähs“ und „Mhms“ ein

Google Duplex heißt dieses Wunderding und es kann fast genauso gut telefonieren wie ein Mensch. Nicht nur, dass die künstliche Intelligenz versteht, was der Andere am Ende der Leitung sagt und entsprechend darauf eingehen kann. Nein, Google Duplex streut sogar extra „Ähs“ und „Mhms“ ein, damit die Stimme auch so richtig authentisch menschlich rüberkommt. Das ist gut. Das ist sophisticated. Auf der Google Homepage gibt es Hörbeispiele und man kann wohl sagen, dass die Zeiten der blechernen Computerstimmen vorbei sind:

Auch Facebook und Microsoft haben diese Woche zu Entwicklerkonferenzen eingeladen. Facebook stellte den gefühlt 478. Verkupplungsdienst für das Internet vor, nur dass Facebooks Verkupplungsdienst, Überraschung, über Facebook läuft. Und Microsoft? Die präsentierten unter anderem eine Software, mit der chinesische Drohnen in der Lage sind, Schäden an Rohrleitungen zu erkennen. Aha.

Anwendungsszenario: Man könnte die Software die Anrufe bei den Eltern erledigen lassen

Bei Google Duplex hingegen fallen einem gleich mehrere Anwendungsszenarien für Otto-Normal-User ein: Man könnte die Software bei Hotlines anrufen lassen. Und wenn dort wieder nur ein Computer hingeht, dann könnten die Computer alles Weitere unter sich klären. Man könnte bei seinen Eltern anrufen, ohne bei seinen Eltern anzurufen – und diese Eltern könnten wiederum eine KI beauftragen, um mit dem Nachwuchs zu sprechen ohne mit dem Nachwuchs zu sprechen. Kurz gesagt: Man könnte seine Telefonphobie überwinden, ohne seine Telefonphobie zu überwinden. Das Paradies wäre nah: Jeder wäre dauernd mit jedem in Kontakt und könnte gleichzeitig in Unterhosen in der Garage stehen und zum Beispiel home brewing betreiben.

Aber das Ganze würde beim Telefonieren ja nicht aufhören: Radiobeiträge könnten in Zukunft von einer KI gesprochen werden, die das viel besser kann als ein menschlicher Sprecher, der es beispielsweise nie hinbekommen das Wort „Chirurg“ richtig auszusprechen und dauernd „oooob“ sagt, statt „ob“.

Müsste der Roboter nicht einmal kurz darauf hinweisen, dass er ein Roboter ist?

Es gibt nur ein kleines Problem bei dieser Technik. Die Politik und die Gesellschaft sind wieder mal in etwa so schlecht darauf vorbereitet, wie 1860 München für die dritte Liga. Denn natürlich lädt eine solche Technologie auch zum Missbrauch ein.

Müsste eine KI vor einem Anruf nicht zumindest einmal kurz erwähnen, dass sie eine KI ist? Will man wirklich, dass eine KI mit seiner eigenen Stimme eine Telefonsex-Angebot betreibt oder in Moe’s Taverne anruft, um zu fragen, ob hier jemand da ist der „Reinsch heißt“?

Dazu gab es auf dem Google Event nichts zu hören. Schade eigentlich, dass es für die großen Fragen der Zukunft keine Hotline gibt, bei der man einfach mal anrufen kann.

 

#failoftheweek: IOC und DFB blamieren sich mit Arroganz und Misstrauen bei der eSport-Debatte

Die Deutschen Sportverbände ringen um eine Haltung zum eSport. Der DFB-Präsident Reinhard Grindel hält eSport für eine „Verarmung“ und möchte wenn dann nur eSoccer unterstützen. IOC-Präsident Thomas Bach wiederum warnt davor, sogenannte Killerspiele olympisch werden zu lassen. Es ist eine seltsame Debatte, die gerade stattfindet und die geprägt ist von mangelnder Fantasie, Arroganz und Vorurteilen, sagt Christian Schiffer.

Fußball hat also mit anderen Dingen, die computermäßig sind, nichts zu tun, das sagte vor einigen Wochen DFB-Präsident Reinhard Grindel dem Weser Kurier. Es ging um eSport und die Frage, ob eSport sportmäßig genug ist, um wirklich Sport zu sein. Letzte Woche nun hat der DFB die ganze Sache noch einmal diskutiert mit dem Ergebnis: Der DFB will eSport unterstützen, aber natürlich nur die Art von eSport, die fußballmäßig genug ist, um vom DFB unterstützt zu werden. Da hat der DFB dann gleich ein neues Wort kreiert, das ganz schön zukunftsmäßig klingt, der DFB möchte nämlich in Zukunft eSoccer unterstützen. Damit gemeint sind wohl Fußballsimulationen wie FIFA oder Pro Evolution Soccer, ob aber zum Beispiel Rocket League darunter fällt, ist nicht so ganz klar. Rocket League wird zwar auch auf Turnieren gespielt, es geht auch in Rocket League darum einen Ball in ein Tor zu bugsieren, man kann Volleyschüsse anbringen und manchmal das runde Spielgerät gerade noch so von der Linie kratzen, allerdings hetzen hier statt kleiner Fußballer Science Fiction-Autos über den Platz. Ja, bei Rocket League handelt es sich um Autofußball und das ist vermutlich dann doch zu wenig fußballmäßig für die Puristen beim DFB.

Seit geraumer Zeit ringen die herkömmlichen Sportverbände nun schon um eine Haltung zu elektronischen Sportarten. Denn eSport boomt, eSport kommt bei den jungen Leuten an und vor allem lässt sich mit eSport immer mehr Geld verdienen. Deswegen haben Fußballvereine wie Schalke 04, VfL Wolfsburg, der 1. FC Nürnberg oder Paris Saint Germain eSport-Teams gegründet. Und der FC Bayern Basketball hat diese Woche erst die FC Ballers Gaming gegründet, ein eBasketball-Team quasi, dass vermutlich bald Liga 1 in der Wortspielhölle aufmischen wird.

Der eSport hat sich in den letzten Jahren so sehr professionalisiert, dass er dem traditionellen Sport in vielem gleicht: Es gibt hohe Preisgelder, volle Stadien, Dopingfälle, Dopingkotrollen und Wettskandale. Bei den Asienmeisterschaften soll eSport zu den Demonstrationssportarten gehören, zurecht, denn League of Legends oder Dota können genauso schweißtreibend sein wie Schach, Sportschießen, Dart oder Curling.

Zudem benötigt die olympische Bewegung wirklich dringend neue Impulse. Sogar die große Koalition in Berlin will sich dafür einsetzen, dass eSport olympisch wird. Die Verbände allerdings zeigen sich hierzulande wenig enthusiastisch. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen olympischen Komitees warnte letztens vor „Killerspielen bei Olympia“, ganz so, als hätten wir noch das Jahr 2009: „Sie können nicht als Teil der olympischen Bewegung angesehen werden, weil sie gegen unsere Werte und Prinzipien sind“.

Es geht vermutlich – wie sollte es anders sein – wieder einmal um Counter Strike, ein Ego-Shooter, in dem man auf virtuelle Pixel-Kameraden schießt. Nun sind allerdings auch nicht-computermäßige Sportarten nicht automatisch friedfertigen Ursprungs, Boxen oder Sportschießen sind nicht gerade Ghandi-Disziplinen und gerade Thomas Bach sollte das wissen, schließlich hat er auch mal bei Olympia Gold geholt – 1976 war das, in der Killersportart Fechten.

Und so ist die Debatte über eSport eine Debatte, die so deutsch geführt wird, wie nur irgendwie möglich. Eine Debatte, die geprägt ist von Misstrauen, Arroganz und einer Bräsigkeit, die sich anfühlt nach Sprossenwand, Magnesiumkorb und Felgaufschwung und ein wenig riecht Weichbodenmatte riecht. In Sachen eSport in Deutschland wäre es wirklich mal an der Zeit, dass sich was dreht.

 

#failoftheweek: Wenn Doro Bär über Flugtaxis spricht, sollten wir alle lieber auf dem Boden bleiben

Dorothee Bär (CSU) wird als Staatsministerin für Digitales in die GroKo-Bundesregierung einziehen. Im ZDF-Interview mit Marietta Slomka redete sie von Flugtaxis. Das brachte ihr Spott und Häme ein. Dabei hätte man über andere Sachen reden müssen, findet Christian Schiffer.

Tja, und dann war es passiert: Dorothee Bär, CSU-Politikerin und künftige Staatsministerin für Digitalisierung hat diese Woche im Eifer des Interview-Gefechts „Flugtaxis“ gesagt. Flugtaxis! Einfach so! Und das war Grund genug für das Internet drei Tage lang quasi zu durchzuLOLlieren.

https://twitter.com/dunjahayali/status/970940490232279040

Eigentlich könnten wir ja froh sein, dass wir es noch erleben dürfen, dass eine Politikerin ein wenig weiter denkt, als nur bis zur nächsten Legislaturperiode. Eigentlich könnten wir ja froh sein, dass eine Politikerin sich jetzt schon Gedanken über etwas macht, das vielleicht erst in fünfzehn oder zwanzig Jahren relevant sein könnten. Eigentlich könnten wir ja froh sein, dass eine Politikerin wegen ein paar Flugtaxi-Visionen nicht gleich zum Arzt rennt. Stattdessen heißt es nun, Frau Bär hätte zu viele Science Fiction-Filme gesehen, dabei sollte man eher hoffen, dass Frau Bär eine ganze Menge Science Fiction Filme gesehen hat.

Denn dann wüsste sie, dass der Planet sich in Bladerunner in einem recht beklagenswerten Zustand befindet, woran doch auch Flugtaxis nichts ändern. Kein Wunder: Ein Auto in die Luft zu hieven und dann ein paar Meter weit damit zu fliegen scheint nicht gerade die aller energieeffizienteste Art zu sein, sich fortzubewegen.

Teleshopping statt Glasfaser

Vermutlich war es wirklich etwas unglücklich von Dorothee Bär auf die Frage nach dem Netzausbau irgendwas von Flugtaxis zu erzählen. Dabei ist eigentlich der Netzausbau ein gutes Beispiel dafür, welchen Schaden kurzfristige, visionslose Politik anrichten kann. Wenn es um schnelles Internet geht, dann steht Deutschland heute weltweit auf Platz 25. In der Fußballweltrangliste steht auf Platz 25 Costa Rica, Deutschland ist in Sachen Internet also das, was Costa Rica im Fußball ist – bestenfalls Mittelmaß. Dabei hatte die sozialliberale Koalition 1981 bereits den Glasfaserausbau beschlossen, Helmut Schmidt wollte Glasfaser-Weltmeister werden. Doch dann kam die Regierung Kohl, beendete diesen Scifi-Quatsch und lies stattdessen lieber Kupferkabel verlegen, um Kabelfernsehen zu fördern. So bekamen wir statt schnellem Internet eben Teleshopping. Na, schönen Dank auch:

Man kann Dorothee Bär sicherlich misstrauisch gegenüberstehen, man kann ihre Äußerungen zum Datenschutz als fragwürdig empfinden oder bezweifeln, dass sie den Lobbyinteressen ausreichend Contra gibt. Aber wegen der Flugtaxis, muss man nicht in die Luft gehen.

 

Andrea Nahles darf auch mal Fresse sagen – denn es gefährdet rein gar nix

Mittlerweile bedauert Andrea Nahles ihren „In die Fresse“-Spruch. Doch Christian Schiffer findet: Die Demokratie braucht Humor – auch wenn er mal derb daherkommt.

Natürlich hätte Andrea Nahles das auch anders sagen können. Sie hätte zum Beispiel irgendeine Standardformulierung aus dem  Handbuch für frischgebackene Oppositionsführer heraussuchen können. „Ab morgen werden wir die Koalitionsharmonie hinter uns lassen und im Bundestag die harte Sachauseinandersetzung suchen“. Zum Beispiel. Oder auch: „Ab morgen werden wir unsere programmatischen Unterschiede vermehrt im Zuge der uns als Opposition im Rahmen der parlamentarischen Geschäftsordnung zur Verfügung stehenden Möglichkeiten herauszuarbeiten versuchen.“ Aber Andreas Nahles sagte einfach nur „Ab morgen kriegen sie in die Fresse!“ und dann lachte Andrea Nahles dabei, um auch wirklich jedem klar zu  machen: Hey, das hier … das ist jetzt … das ist Ironie! Zwinker! Zwinker!! Dass das Ganze als Witz gemeint war, machte die SPD-Frau auch am nächsten Tag nochmal deutlich:

Andrea Nahles hatte den Satz also schon kurz vorher gesagt, in der letzten Kabinettsitzung nämlich, da fanden das die Unions-Kollegen alle lustig, keiner hatte Angst von der Nahles Andrea am nächsten Morgen mit einem rechten Haken und einem sauber ausgeführten Back-Suplex aus dem Bett geklingelt zu werden. Aber das mit der Ironie, das ist eben so eine Sache. Im Radio funktioniert sie nicht, wird Hörfunk-Noobs immer eingebläut und auch vor Journalisten kann so ein nicht ernstgemeintes Sätzchen schon mal nach hinten los gehen. #Fressegate war schnell geboren, die Süddeutsche befand, Andrea Nahles spiele mit der demokratischen Kultur und manch einer wollte keinen Unterscheid mehr erkennen zwischen der Frotzelei der SPD-Frau und Alexander Gaulands aufpeitschendem Jagdaufruf am Wahlabend.

Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Gag und Geifer, der Kontext ist entscheidend, nicht die Tatsache, dass Frau Nahles ein etwas böseres Wort gesagt hat. Ein paar Kraftausdrücke kann die demokratische Kultur schließlich schon ab, Joschka Fischer nannte den Bundestagspräsidenten Arschloch, einer der Vorgänger im Amt des SPD-Fraktionsvorsitzenden, Herbert Wehner, bezeichnete den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe als „Herr Übelkrähe“ und Jürgen Todenhöfer als „Hodentöter“. Und Franz-Joseph Strauß? Nunja…

Heute gibt es oft eine regelrechte Sehnsucht nach solchen Polit-Charakterköpfen, die auch mal einen rauslassen. Auf der anderen Seite soll sich die demokratische Kultur aber bitteschön weiterhin anfühlen nach Bussibär-Land. Beides geht aber nicht und am Ende schadet auch eines ganz bestimmt der politischen Kultur, nämlich: Langweile.