Red Dead Redemption 2 wird ein Stück Popkultur der Superlative – auf Kosten der Entwickler

Groß, bunt, detailreich: Red Dead Redemption 2 ist das Blockbuster-Spiel des Jahres. Doch für die Mitarbeiter war die Arbeit an dem Spiel offenbar kein Spaß. Eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Computerspielbranche ist überfällig, sagt Christian Schiffer.

Red Dead Redemption 2 erscheint nächste Woche und ist das Blockbuster-Spiel des Jahres. Es wird ein Stück Popkultur der Superlative: Angeblich enthält das Spiel 300.000 Animationen und 500.000 Dialogzeilen, die von 700 Sprechern aufgenommen wurden. Das Western-Spiel katapultiert uns in das Jahr 1899, in dieser detaillierten Welt können wir uns austoben, Züge überfallen, jagen, prügeln, ins Theater gehen, Karten spielen, der Story folgen und natürlich in den Sonnenuntergang reiten. Wobei das mit der „detaillierten “ Welt eine beachtliche Untertreibung ist.

Arbeitsbedingungen wie im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Das Spiel simuliert akkurat den Bartwuchs unseres Helden und führt penibel Buch über die Verdauungstätigkeit der Pferde, sprich: Irgendwo im Hintergrund des Spiels wird präzise ausgerechnet, wann für das Pferd mal wieder eine Darmentleerung ansteht. Ach ja: Außerdem schrumpfen die digitalen Hoden der digitalen Tiere, wenn im Spiel der digitale Winter seine eisigen Krallen zeigt. Red Dead Redemption 2 lässt uns eintauchen in das Amerika des ausgehenden 19.Jahrhunderts. Das Problem: Offenbar herrschen beim Hersteller Rockstar Games auch Arbeitsbedingungen wie im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Studiochef Dan Houser hatte in einem Interview selbst erklärt, dass man 100-Stunden-Wochen geschoben habe, um das Spiel fertig zu bekommen. Daraufhin meldeten sich ehemalige Mitarbeiter zu Wort und berichteten von 14 Stunden Tagen, von Kurzzeitverträgen, von Nervenzusammenbrüchen und von Angst essen Seele auf.

Die ehemalige Rockstar-Mitarbeiterin Roisi Proven schreibt auf Twitter: Ich habe vor zehn Jahren für Rockstar gearbeitet. Nichts hat sich seitdem verändert und Eure wütenden Tweets werden vermutlich auch jetzt nichts ändern. Dieser Mist ist in der Spieleindustrie tief verwurzelt. Mach es, oder steig aus.

„Gehen Sie mal schön weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“

Schon 2010, bei Red Dead Redemption 1, gab es Diskussionen über die galeerenhaften Arbeitsbedingungen, damals meldeten sich die Ehefrauen der Mitarbeiter in einem offenen Brief zu Wort, sprachen von Fehlplanung und davon, dass ihre Männer aufgrund der Umstände in Depressionen verfallen würden und sogar suizidgefährdet seien. Wenn man das alles liest, dann kommen einem die Rockstar-Spiele fast ein bisschen vor wie irgendwelche Azteken-Pyramiden: Ja, sie sind gigantisch, ja, sie sind sehr beeindruckend und ja, wenn man mal da war, will man sofort wieder hin. Aber nein, beim Bau will man nicht unbedingt dabei gewesen sein.

Mittlerweile hat sich Studiochef Dan Houser erneut zu Wort gemeldet und schreibt davon, dass so eine 100-Stunden-Woche freiwillig sei, nur die Chefs machen das manchmal, es werde ja keiner gezwungen und überhaupt: Gehen Sie mal schön weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

Auch Mitarbeiter haben auf Twitter das Unternehmen verteidigt. Aber es bleibt das Gefühl, dass unser Spielspaß zu teuer erkauft wird, schrumpfende Pferdehoden hin, schrumpfende Pferdehoden her. In der Branche kocht nun eine Diskussion über Ausbeutung hoch, eine Diskussion, die längt überfällig ist. Bleibt zu hoffen, dass in die Computerspielindustrie irgendwann auch den Arbeitnehmer-Kampfgeist des 19. Jahrhunderts entdeckt.

 

#failoftheweek Jugend Spezial: „Scrabble“ heißt jetzt „Yolo“ – not

Eine Namensänderung hat diese Woche mächtig für Furore gesorgt: „Scrabble“ heißt jetzt „Buchstaben-Yolo“. Von jetzt.de bis FAZ fielen alle auf den Hoax des Spieleherstellers Mattel rein – so auch Zündfunk-Jugendbeautragter Christian Schiffer, der nun schnell vor PR-Senfautomaten warnt. Die sind wie das meiste auf dieser Welt nicht lit.

Hey meine Besties!

Was ist das für 1 Life? Die Mumien-Hopser von Matell wanzen sich mal wieder an uns bildschirmgebräunten Internet-Randalos an und haben eine wacke Idee vong Namensgebung her. Anstatt cremig zu bleiben und einfach lit weiter herumzuoxidieren, wollen die sozialtoten Vollpfosten „Scrabble“ umbennen, und zwar in „Buchstaben-Yolo“. Und wer beteiligt sich an diesem smoofen Niveaulimbo? MC Fitti, die sprechende Hecke, der Pelzlümmel, der größte Fruchtzwerg wo gibt!

Und typisch wie das so ist für so einen Allround-Laien mit Immatrikulationshintergrund verkacken die Gripsraver von Mattel dabei episch. Herausgekommen ist eine solch hypertonische Moppelkotze, dass man nur noch im Strahl vor sich hinkadavern möchte.

Ahnt das, Kocums: Die Gammefleischpartygänger von Mattel denken wirklich, dass irgendwer noch Yolo sagt: dabei weiß doch der letzte Gollo, dass gerade wir Oberbabos Jugendsprache eher contrageil finden und nur die letzten Expresschecker-Journo-Blowmods ihre Kolumnen in so einem Wording abfassen. Und dann kam diese Woche auch noch der Rapper und ehrenamtliche Berater Kevin Lehmann und gaderte uns zu mit seinem aldigem Datenschutz-Rap.

Sheeeesh! Der Clip war eher billow, die Musik nicht so sehr für Babos, sondern mehr so für Chabos. Datenschutz pimpen, das brachte bisher auch nur 1.000 Clicks ein, das hätte irgendein Komposti von der Verbraucherzentrale auch hinbekommen. Warum meinen die Gripsraver von Mattel oder Kevin Lehmann, dass es total lan ist über Datenschutz zu rappen oder „Scrabble“ plötzlich Buchstaben-Yolo zu nennen? Warum kapieren diese Problemiker nicht, dass es unlügbar manchmal auch fit geht zu lindnern und etwas besser gar nicht zu machen, als etwas schlecht zu machen? „Scrabble“ wäre so nämlich gar nicht unfly gewesen vong Benamsung her, ihr Lauche! Naja, ich höre jetzt auf, habe schon Screenitus und gehe jetzt nicenstein napflixen. Ich küss Euer Auge!

Und lasst Euch bitte von niemand verhoaxen! Vor allem nicht von PR-Senfautomaten!!

 

#failoftheweek: Das BundesBER-Desaster

In Niedersachsen kämpft die Bundeswehr seit zwei Wochen gegen einen Moorbrand – und verliert. Das Versagen an der Feuerfront passt ins Bild, denn für unsere Streitkräfte läuft es gerade nicht gerade rund, findet Christian Schiffer.

tagesschau moorbrand niedersachsen

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Seit knapp zwei Wochen brennt in Niedersachsen nun also schon ein Moor. Jetzt sollen das Bundeswehr-Kommando „Territoriale Aufgaben“ in Berlin und Spezialpioniere aus Husum die Brandbekämpfung unterstützen, das Logistikbataillon Delmenhorst wurde bereits in Alarmbereitschaft versetzt, rund 1.000 Einsatzkräfte sind gerade vor Ort, die in der Minute 20.000 Liter Löschwasser verballern, kurz gesagt: Die Bundeswehr kämpft mit allen Mitteln gegen einen Moorbrand – und verliert. Immerhin aber konnte die Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) schon einen kleinen Erfolg an der Feuerfront vermelden: Man habe verhindern können, dass der Brand sich auf die angrenzen Wälder übergreift. Puh, noch mal Glück gehabt… alles unter Kontrolle!

Also gut, weitergehen, weitergehen! Hier gibt es nicht das Geringste zu sehen, Leute!

Natürlich fragt man sich, wie so ein Moor überhaupt brennen kann, denn eigentlich sind Moore ja per Definition nasse Lebensräume. Aber der abgelagerte Torf widerum brennt ausgesprochen gut, vor allem in heißen Sommern. Dass dieser Sommer besonders trocken war, das hätte sich ruhig auch bis zur Bundeswehr rumsprechen können, dass in dem Moor deswegen Rauchverbot herrscht, eigentlich auch. Trotzdem testete die Bundeswehr in der leicht entflammbaren Gegend Raketen und vergaß dann auch noch die Löschraupe mitzubringen. Und weil das alles jetzt nicht den allerprofessionellsten Eindruck macht, entschlossen sich die Bundeswehr-Verantwortlichen die Behörden besser erst einmal nicht über das vor sich hinkokelnde Schlamassel zu informieren. Das niedersächsische Innenministerium erfuhr von dem Brand erst, als die deutschen Streitkräfte mehr Feuerwehrmaterial anfordern mussten.

Früher, da konnte man sich in diesem Land wenigstens auf ein paar Basics verlassen: Die Nationalmannschaft übersteht die Vorrunde einer WM, Flughäfen werden fertig, Moor brennt nicht, wer Mist baut, wird nicht hochgemaaßt, die Bundeswehr schleppt Sandsäcke und verhindert so Katastrophen, anstatt selbst welche auszulösen. Heute ist das anders und bezüglich der Bundeswehr passt ganz gut ins Bild, dass sie sich, wenn sie nicht gerade sumpfähnliche Landschaften in Brand steckt, Kleinkriege mit Netzaktivisten liefert oder an ihren Sturmgewehren verzweifelt. Ach, und letztens ist dann auch noch eine ihrer Flugabwehrraketen auf einer Bundeswehr-Fregatte in die Luft gegangen.

Oh Scheiße, Feuer auf Schiff!

Man hat den Eindruck, dass die Bundeswehr immer mehr zum BundesBER mutiert, zum Berliner Flughafendesaster unter den gesellschaftlichen Institutionen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Moorbrand in Niedersachsen schneller gelöscht wird, als in Berlin ein neuer Airport eröffnet.

 

Wie hot darf’s denn sein? Nichts polarisiert mehr als Hot Pants und Sommermode

Michelle Obama tanzt in Hotpants zu Beyoncé und wird gefeiert. Derweil verhüllen sich bayerische Gymnasiastinnen mit XXL-T-Shirt, ohne dass sie jemand dazu aufgefordert hätte. Die Burka-Debatte ist im Sommermodus. Wird Zeit, dass es abkühlt, findet Elisabeth Veh.

Wahrscheinlich könnte Michelle Obama auch einen Müllsack lässig tragen. Aber im Juli, beim Beyoncé-Konzert in Paris, da waren es Hot Pants. Weiße Hot Pants. Michelle Obama tanzte, und die Welt jubelte: über ihre Beine, die – wie jetzt erwiesen wäre – genauso gut sind wie ihre Oberarme. Und über ihre Lässigkeit. Hot Pants. Als Mutter, als First Lady a.D., als Frau… über 20!

Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte die Mittelschule im niederbayerischen Osterhofen ein Foto, auf dem der Schuldirektor zusammen mit drei Mädchen in die Kamera grinst. Die Mädchen tragen lange weiße T-Shirts. Die sollten an der Schule in diesem Sommer übergezogen werden, wenn die Kleidung als zu knapp erachtet wird – von den Lehrkräften, die zur T-Shirt-Maßnahme greifen können. Immer wieder waren angeblich Hot Pants ein Problem.

Hot Pants haben es 2018 endlich geschafft, die Burka-Debatte in den Mainstream zu bugsieren. Die einen feiern die Beinfreiheit als liberalen Meilenstein, die anderen sehen Verhüllung als Chance. Und wie immer gilt auch bei dieser unsäglichen Diskussion: Es ist eigentlich noch viel komplizierter. Denn: Sommermode folgt ihren ganz eigenen Gesetzen.

Paragraph 1: Gelebte Anarchie

Bestes Beispiel: Der Versuch der Europäischen Union, Bauarbeitern das oben-ohne-Dasein zu verbieten.

Wegen der Krebsgefahr. 2005 war das – der Aufschrei war riesig. Wenns heiß ist, muss die Klamotte einfach kürzertreten. Obwohl auf Herren-Sandalen im Business-Umfeld die Höchststrafe steht – im Angesicht des Schweißfußes gehen die meisten das Risiko ein. Mit durchaus unschönen Konsequenzen: So viele Hammerzehen, so viel Hornhaut, so viele eingewachsene Nägel wie zwischen Juli und August begegnen einem sonst das ganze Jahr nicht.

Eine Runde Mitleid für Unternehmensberater und Top-Banker, die auf ein kleines bisschen Freiheit auch im Sommer verzichten müssen.

Paragraph 2: Sommersaison ist Komplexsaison

Es gibt Hot Pants-Menschen. Und es gibt die, die im August immer noch von der Bikinifigur reden, die sie dieses Jahr noch nicht erreicht haben. Sommermode verzeiht leider wenig, außer sie ist ein Maxikleid. Das ist blöd, denn das macht manche Menschen traurig und manche neidisch, und während man schwitzt ist beides nicht gut für den Flow. Die grenzenlose Arschbacken-Freiheit, die Hot Pants Modell „Sommer 2018“ ihren Trägerinnen und Trägern bieten, verstärkt diese Gefühle. Leider. Und schickt so manchen weiter zu…

Paragraph 3: Sexismus und Moral

Ja, es gibt diese Menschen die sich von zuviel Ausschnitt und zuviel Schritt ermuntert fühlen, zu glotzen und zu kommentieren. Manche erwischen sich sogar selbst dabei, verwechseln aber Ursache und Wirkung: Sie empören sich nicht über ihre eigenen, schlüpfrigen Gedanken sondern über die TrägerInnen von Sommermode. So kommt es, dass Eltern auch in diesem Sommer sorgenvoll ihren Töchtern nachsehen, wenn sie im Streit um die Hosenlänge mal wieder unterlegen sind. Und dass sommerlich gekleideten Frauen ihr Outfit vorgeworfen wird. Sexuelle Belästigung, reverse.

Michelle Obama trug übrigens 2009 schon mal kurze Hosen. Damals war sie wandern im Grand Canyon. Wo es ja sehr heiß sein soll. Ging für viele gar nicht.

Und jetzt? Warten wir ab, ob der lang erwartete Regen auch Komplexe, Moral und Sexismus ein bisschen abkühlt. Und heften auch diesen heißen Sommer als das ab, was er war: Eine kurze, exzessive Phase, die wir pragmatisch leicht bekleidet gefeiert haben wie einen langen Rave unter einem Fön, den Motzern, Glotzern und eigenen Komplexen zum Trotz. Winter, mit seinen langen burkaartigen Wollmänteln, is coming.