Avatar-Aktivismus: Wie Avatare die Modewelt erobern und damit Gutes tun wollen

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Lil Miquela führt eigentlich ein typisches Influencer-Leben auf Instagram. Sie ist 19, hat spanisch-brasilianische Wurzeln, wohnt in L.A., modelt und macht Musik. Nur Lil Miquela ist gar kein Mensch. Sie ist eine animierte Avatarin. Sie existiert also nur in der digitalen Welt. Was sie nicht daran hindert, sich wie ein echter Mensch zu verhalten. Zündfunk-Autorin Maria Fedorova hat Miquela (besser gesagt: die Person dahinter) sogar ein exklusives Interview gegeben: über Avatar-Mode und Avatar-Aktivismus.

Miquela Sousa aka Lil Miquela ist 2016 aufgetaucht und wurde schnell zum coolsten Instagram-Geheimnis. Wer hinter der computeranimierten Tarnung steckt, bleibt unklar: ob eine Gruppe von Künstlern oder eine Frau, die dem Avatar ähnelt. Viele tippen auf eine clevere Werbeagentur oder denken gar, dass da gerade die Entwickler des Computerspiels Sims die Modewelt aufmischen.

Als Avatar in der realen High Society

Das Geheime tut dem Hype jedenfalls gut: Mittlerweile hat Miquela über eine halbe Million Follower bei Instagram und eine treue Fan-Base, die sich „Miquelites“ nennt. Ihr Leben in L.A. sieht nicht nach einem GTA-Spiel aus: auf Fotos zeigt Miquela sich in echten Cafes und Clubs, auf echten Pool- und Grill-Partys, mit echten Promis wie Musikproduzent Diplo.

The New Last Supper, 2017

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Sie wird als Model von Luxus-Labels gebucht und probiert es jetzt mit der Musikkarriere.

Wäre Miquela als Gesellschaftssatire gedacht, wäre es ein ziemlich guter Coup. Immerhin spekulieren Tausende Fans darüber, ob ihr Gesicht doch echt ist und sie bloß mit übertriebenem Facetune eine Schippe darauf legt. Vielleicht ist das also bloß die nächste Stufe von Fakeness in der aalglatten Plastikwelt von Instagram. Miquela, was meinst du als Avatarin dazu?

Ja, viele Instagram Stars verwischen die Linie zwischen einer echten, traditionellen und einer digitalisierten Schönheit. Das ist modern und neu. Die Radikalität, mit der man die Körpernormen in Frage stellt, inspiriert mich. Es kann auch dem guten Zweck dienen.“ – Miquela

Modern? Neu? Radikal? Das muss man nicht so sehen. Aber: Miquela nutzt ihren Content für Aktivismus, schreibt sie mir. Als Feministin sammelt sie Spenden für Ureinwohner-Reservate, Opfer von Waldbränden, für die Black Lives Matter-Bewegung und LGBT-Community.

Wenn der ganze Social-Media-Tumult sinnlos erscheint, denke ich daran, dass man auch mit ein paar Selfies etwas Gutes tun kann.“ – Miquela

Instrumentalisierung der super-oberflächlichen Selfie-Kultur für einen guten Zweck also. Eine Avatar-Influencerin als Botschafterin der Minderheitenrechte. Damit dockt Miquela am alten Traum des Cyber-Feminismus an.

Ein Avatar als Botschafterin der Minderheitenrechte.

Die US-amerikanische Autorin Donna Haraway schrieb 1984 in ihrem „Cyborg Manifesto“: „Die High-Tech-Kultur fordert unser Schwarz-Weiß-Denken auf faszinierende Weise heraus. Im Verhältnis von Mensch und Maschine ist nicht klar, wer oder was herstellt und wer oder was hergestellt ist.“

Haraway inspirierte so eine ganze Generation postmoderner Künstlerinnen, die sich für Avatare und Menschmaschinen begeisterten. In Zukunft sollen sie uns helfen, die Grenzen von Körper, Geschlecht und Herkunft zu sprengen. Figuren wie Miquela könnten das theoretisch.

Menschen und KI in friedlicher Koexistenz

Eine Mail reißt mich aus meinen cyber-utopischen Tagträumen, Miquela meldet sich zurück mit ihren Gedanken zur Künstlichen Intelligenz: „Ich glaube nicht, dass man irgendwann mal fähig sein wird das Menschliche zu ersetzen. Ich bin aber an Technologien interessiert, die die Welt verbessern könnten. Die Welt, wo Roboter und KI mit den Menschen frei koexistieren, wäre auf jeden Fall sehr spannend.“

Die Kurve von einer affirmativen zu einer kantig-kritischen Haltung hat Lil Miquela noch nicht gekriegt. Sie entspricht dem gängigen Schönheitsideal: sie ist jung, dünn und faltenfrei. Die Kritik am Kapitalismus bleibt ihr auch fremd. Doch vielleicht ist es bloß der Anfang einer gar nicht so düsteren Zukunft, in der Cyborgs und Avatare die Modewelt erobern.

#failoftheweek: Wenn Doro Bär über Flugtaxis spricht, sollten wir alle lieber auf dem Boden bleiben

Dorothee Bär (CSU) wird als Staatsministerin für Digitales in die GroKo-Bundesregierung einziehen. Im ZDF-Interview mit Marietta Slomka redete sie von Flugtaxis. Das brachte ihr Spott und Häme ein. Dabei hätte man über andere Sachen reden müssen, findet Christian Schiffer.

Tja, und dann war es passiert: Dorothee Bär, CSU-Politikerin und künftige Staatsministerin für Digitalisierung hat diese Woche im Eifer des Interview-Gefechts „Flugtaxis“ gesagt. Flugtaxis! Einfach so! Und das war Grund genug für das Internet drei Tage lang quasi zu durchzuLOLlieren.

https://twitter.com/dunjahayali/status/970940490232279040

Eigentlich könnten wir ja froh sein, dass wir es noch erleben dürfen, dass eine Politikerin ein wenig weiter denkt, als nur bis zur nächsten Legislaturperiode. Eigentlich könnten wir ja froh sein, dass eine Politikerin sich jetzt schon Gedanken über etwas macht, das vielleicht erst in fünfzehn oder zwanzig Jahren relevant sein könnten. Eigentlich könnten wir ja froh sein, dass eine Politikerin wegen ein paar Flugtaxi-Visionen nicht gleich zum Arzt rennt. Stattdessen heißt es nun, Frau Bär hätte zu viele Science Fiction-Filme gesehen, dabei sollte man eher hoffen, dass Frau Bär eine ganze Menge Science Fiction Filme gesehen hat.

Denn dann wüsste sie, dass der Planet sich in Bladerunner in einem recht beklagenswerten Zustand befindet, woran doch auch Flugtaxis nichts ändern. Kein Wunder: Ein Auto in die Luft zu hieven und dann ein paar Meter weit damit zu fliegen scheint nicht gerade die aller energieeffizienteste Art zu sein, sich fortzubewegen.

Teleshopping statt Glasfaser

Vermutlich war es wirklich etwas unglücklich von Dorothee Bär auf die Frage nach dem Netzausbau irgendwas von Flugtaxis zu erzählen. Dabei ist eigentlich der Netzausbau ein gutes Beispiel dafür, welchen Schaden kurzfristige, visionslose Politik anrichten kann. Wenn es um schnelles Internet geht, dann steht Deutschland heute weltweit auf Platz 25. In der Fußballweltrangliste steht auf Platz 25 Costa Rica, Deutschland ist in Sachen Internet also das, was Costa Rica im Fußball ist – bestenfalls Mittelmaß. Dabei hatte die sozialliberale Koalition 1981 bereits den Glasfaserausbau beschlossen, Helmut Schmidt wollte Glasfaser-Weltmeister werden. Doch dann kam die Regierung Kohl, beendete diesen Scifi-Quatsch und lies stattdessen lieber Kupferkabel verlegen, um Kabelfernsehen zu fördern. So bekamen wir statt schnellem Internet eben Teleshopping. Na, schönen Dank auch:

Man kann Dorothee Bär sicherlich misstrauisch gegenüberstehen, man kann ihre Äußerungen zum Datenschutz als fragwürdig empfinden oder bezweifeln, dass sie den Lobbyinteressen ausreichend Contra gibt. Aber wegen der Flugtaxis, muss man nicht in die Luft gehen.

 

#failoftheweek: Warum mit Vero der nächste potenzielle Facebook-Killer hochgejazzt wird

Peach, Google Plus, Ello, Sarahah, Yo, Diaspora, Yik Yak, Path, Mastodon, Whisper, Secret, App.net, Tsu, EyeEm, Beme, Dropon, sie alle wollten Facebook schon vom  Thron stoßen, gelungen ist dies allerdings keinem dieser Netzwerke. Diese Woche wurde mit Vero der nächste potenzielle Facebook-Killer hochgejazzt. Wie sehr muss man eigentlich Facebook hassen, um nach jedem dürren Strohhalm zu greifen?

Seit fünf Monaten steht das Werbevideo zu Vero schon im Internet herum, aber bis zu dieser Woche hat sich kaum jemand für die App interessiert. Doch jetzt plötzlich ist er da, der Hype und jeder will rein bei Vero, es ist ein einziges Geschubse und Gedränge, dauernd stürzt das Social Network unter dem Ansturm ab oder akzeptiert den Zugangs-Code nicht. Und wenn man sich nach unzähligen Versuchen dann doch am Türsteher vorbeigemogelt hat, fühlt man sich, als hätte man nachts um halb eins einen Goth-Club betreten: Das Design besteht vor allem aus verschiedenen Variationen der Farbe Schwarz, es ist sehr leer, sehr sehr langweilig. Und wenn man ein kunterbuntes, lebensbejahendes Motivationsbild mit seinen exakt nullkommanull Freunden teilen möchte, dann bricht alles zusammen.

Und trotzdem wird Vero zum neuen Instagram oder Facebook-Killer hochgeraunt, so wie zuvor schon Tsu, Dropon, Path, Mastodon, Ello, Pandora und all die anderen Anti-Monopolisten Robin Hoods, an die sich heute keine Sau mehr erinnert.

Auch Vero verspricht irgendwas anders zu machen, genauer: irgendwas, das nachdenkliche Bayern2-Feuilletonisten wie wir wichtig finden. Leute also, für die „The Circle“ von Dave Eggers das hellsichtigste Buch der letzten 800 Jahre ist, die Daten für „das Öl des 21. Jahrhunderts“ halten, die sich tagein, tagaus ganz fürchterlich vor „der Macht der Algorithmen“ fürchten und für die der Satz „Wenn etwas für Dich umsonst ist, bist du das Produkt“ eine Weisheit geradezu buddhistischen Ausmaßes ist. Also wirbt Vero damit, dass es werbefrei ist, keine unnötigen Daten sammelt und von keinem Algorithmus die Posts vorsortieren lässt. Bei so viel Streberhaftigkeit wird dann auch großzügig darüber hinweg gesehen, dass hinter dem Netzwerk fragwürdige Finanziers stehen und Vero in etwa so verbuggt ist, wie eine mazedonische Motel-Matratze.

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Wie sehr also muss man Facebook hassen, dass man ausgerechnet Vero zum Konkurrenten der blauen Seiten hochjazzt? Ein Netzwerk, dessen AGBs auch keine Offenbarung an Verbraucherfreundlichkeit sind und das weniger Innovationen zu bieten hat als die deutsche Elektroautoindustrie. Wie groß muss die Abneigung sein gegen Facebook, dieses subproletarische „blue collar“ Social-Vorzeige-Network, bei dem so ziemlich jeder Mitglied ist, auch der kleine Mann von der Straße, auch Otto Normaluser, auch Krethi und sogar Plethi? Wie groß ist die Feindseligkeit gegenüber dieser friedliebenden Oase im Internet, der man doch kaum mehr vorwerfen kann, als Hass zu fördern, den Datenschutz zu missachten, Filterblasen und Faschismus zu produzieren und den Russen dabei geholfen zu haben, Donald Trump ins Weiße Haus zu bugsieren?

Okay, zugegeben: Eine Alternative zu Facebook, Instagram und all den anderen Kommerz-Netzwerken wäre ganz gut, aber deswegen muss man nicht gleich nach jedem noch so dürren Strohhalm greifen, der einem von bezahlten Influencern hingehalten wird! Stattdessen sollte man vielleicht mehr über genossenschaftlich organisierte oder von mir aus auch öffentlich-rechtliche Alternativen nachdenken, – zumindest was die ein oder andere Funktionalität angeht. Dann machen endlich auch wir Bayern2-Feuilletonisten unseren Frieden mit den sozialen Medien.

 

#failoftheweek: Die Ideologie hinter den Bitcoins – und was die AfD damit zu tun hat

Alice Weidel als Speakerin auf einer hippen Blockchain-Konferenz? Die Einladung an die AfD-Frontfrau hat diese Woche viele empört. Dabei haben Alice Weidel und die Blockchain mehr miteinander zu tun, als man vielleicht zunächst denkt. Und um das zu verstehen, muss man erstmal einen Ausflug unternehmen: nach Liberland.

Sie klingt ein wenig nach Pokemon und Star Wars, aber immerhin: eine bombastische Hymne gibt es schon, so wie sich das für einen echten Staat ja auch gehört. Die Hymne gehört zur „Republik Liberland“, ein Scheinstaat, der im April 2015 im Niemandsland zwischen Serbien und Kroatien gegründet worden ist. Der Präsident von Liberland ist ein gewisser Vít Jedlička, ein führendes Mitglied der libertären tschechischen Kleinpartei Partei freier Bürger. Die Fahne von Liberland ist gelb mit einem schwarzen Strich in der Mitte, das Gelb steht für den freien Markt und Schwarz vor Rebellion. Kein Zweifel: Liberland ist gedacht als libertäre, anarchokapitalistische Musterrepublik. Steuern werden selbstverständlich keine erhoben, ganz im Gegenteil: erklärter Staatszweck ist sogar die Schaffung einer Steueroase.

Und hier kommen auf dem langen Weg von Liberland bis zu Alice Weidel die Bitcoins ins Spiel: Fast eine halbe Million Menschen sollen bereits die Staatsbürgerschaft von Liberland beantragt haben, die Gebühr liegt bei 10.000 Dollar, die man natürlich in Bitcoin überweisen soll, denn Bitcoin ist die offizielle Währung von Liberland – klar, was sonst. Denn Bitcoin elektrisiert nicht nur russische Drogenhändler und Zocker, sondern auch Libertäre auf der ganzen Welt, darunter auch John McAfee, den schillernden Entwickler der gleichnamigen Anti-Virensoftware.

Crypto-Währungen und die Blockchain-Technologie passen zum Libertarismus wie Faust auf Eimer. Dass sie staatliche Regulierung unmöglich machen könnten, ist die Hoffnung von John McAfee und anderen Libertären. Natürlich hat John McAfee Bitcoins und ein Bitcoin wird seiner Meinung nach Ende 2020 schon eine Million Dollar wert sein.

Was entrepreneurt Alice Weidel bei der Blockchain-Konferenz?

Wenn das tatsächlich eintritt, dann dürfte auch Aaron König Kasse machen, das ehemalige Mitglied der Piraten-Partei ist voll dabei beim Crypto-Boom, er hat ein Buch über Bitcoin und die wirtschaftsliberale „Wiener Schule“ geschrieben und organisiert die einschlägige Unchain-Konferenz. Aaron König ist und da ist er bei Weitem nicht der einzige in der Community, erklärt er in einem Interview. 

„Nicht jeder Libertäre hat Bitcoins und nicht jeder Bitcoiner ist libertär, aber die Schnittmenge ist schon sehr sehr groß, auf jeden Fall“

Für manch einen ist der Libertarismus die böse Schwester der Liberalismus. Viele Libertäre betrachten Steuern als Diebstahl, wollen den Staat auf ein Minimum zurückfahren, Drogen legalisieren und Waffen natürlich auch, die Ideologie ist vielleicht nicht per se rechts, aber durchaus nach rechts offen. Das zeigte sich auch diese Woche, als bekannt wurde, dass Alice Weidel auf die von Aaron König mitorganisierte Unchain-Konferenz eingeladen wurde – und zwar als Speakerin. In der Ankündigung firmierte AfD-Frontfrau unter „Bitcoin-Entrepreneurin“, was sie da aber genau entrepreneurt, das ist nicht ganz klar, vielleicht irgendwas mit Start-Ups, vielleicht aber auch gar nichts.

Lasst uns auf die Ideologie hinter dem Bitcoin-Boom schauen

Gegen die Einladung von Alice Weidel regte sich Protest, mittlerweile hat die AfD-Fraktionsvorsitzende wieder abgesagt, angeblich aus Termingründen. Klar ist hingegen, dass Alice Weidel dem Bitcoin und der Blockchain-Technologie wohlwollend gegenüber steht. 

Der Bitcoin als Ersatz für die „Schrottwährung“ Euro, so Alice Weidel im August 2017 auf einer Veranstaltung in Leipzig. Das war noch vor dem Crypto-Boom, zu einer Zeit, in der Bitcoin wieder mal so ein obskures Nerd-Ding war, das niemand verstand. Heute ist das anders, Crypto-Währungen kommen gerade im Mainstream an, an die Blockchain-Technologie werden hochfliegende Erwartungen geknüpft. Dass dem Boom auch eine bestimmte Ideologie einprogrammiert ist, das spielt in der öffentlichen Debatte bislang kaum eine Rolle. Das sollte sich ändern, sonst ist Liberland vielleicht irgendwann überall.