#failoftheweek: Wie die Photoshopisierung der Welt die Demokratie bedroht

Die Zeiten, in denen man nur Bilder retuschieren konnte, sind vorbei. Bald schon können wir so ziemlich alles faken und Politkern jeden beliebigen Satz in den Mund legen. Christian Schiffer fragt sich, wie wir der Photoshopisierung der Welt begegnen sollen.

Da ist er endlich wieder! Stars-and-Stripes-Pin am Revers, im Hintergrund die Fahne mit dem Präsidenten-Banner, den Blick entschlossen in die Kamera gerichtet. Barack Obama spricht über ein wichtiges Thema, er warnt nämlich vor Videomanipulation, bald schon könne jeder jedem alles jederzeit in den Mund legen. Und dann plötzlich fängt er an, wirres Zeug über die die Comic-Serie „Black Panther“ zu reden und nennt Donald Trump einen Volldeppen:

Klar, natürlich ist das Obama-Video selbst ein Fake. Eigentlich spricht da der der Schauspieler Jordan Peele, doch sein Gesicht wurde so manipuliert, dass er aussieht wie Obama. Die Macher haben dazu die Software Fake App verwendet, die es umsonst im Netz gibt und zum Schluss nochmal mit After Effects von Adobe drübergebügelt, zack fertig: Ex-Präsident.

Ein paar Sprachfetzen sollen für den Stimmen-Fake reichen

Vor ein paar Monaten sorgte Fake App schon mal für Diskussionen, damals hatten Spaßvögel die Gesichter von Prominenten in Pornos montiert und das Resultat war… nunja, sagen wir es mal so: Überzeugend. Deep Fakes nennt man diese Art der Manipulation mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und fälschen kann man damit nicht nur bewegte Bilder, sondern auch die Stimme. Bereits Ende 2016 hat Adobe eine Software vorgestellt, die jeden Text von jeder Stimme vorlesen lassen kann und dazu lediglich eine zwanzigminütige Sprachprobe benötigt. Und kürzlich erst staunte die Tech-Welt über eine chinesische Software, die nur eine Sprachprobe von 3,7 Sekunden benötigt.

Wer etwas Ähnliches selbst ausprobieren möchte, der kann die Seite Lyrebird aufrufen, dort ein paar Sätze einsprechen und schon kann die Software aus der eigenen Stimme jeden beliebigen Satz generieren:

„Hello I am Christian and I am writing a radio piece. Right now I have no fucking idea what I want to write so maybe it’s better go to bed again.“

Das hört sich bei Lyrebird dann so an:

Klar, das ist alles andere als perfekt, die Stimme klingt metallisch, die  Aussprache ist undeutlich, die Qualität ist bescheiden, aber man kann die Stimme wiedererkennen, auch das unterirdische Englisch des Sprechenden *hüstel* wird einigermaßen akkurat wiedergegeben.

Bald werden die Tools perfekt sein – mit dramatischen Folgen

Adobe & Co. bekommen das Ganze noch viel besser hin und bald schon werden solche Tools nahezu perfekte Ergebnisse erzielen. Die Folgen könnten dramatisch sein: Jedem Politiker könnte man alles in den Mund legen, wer möchte könnte Markus Söder „Wir schaffen das!“ sagen lassen oder ihn die bayerische Unabhängigkeit verkünden lassen oder man könnte, aufgepasst, jetzt wird es richtig weird, man könnte Andrea Nahles im Parlament Pippi-Langstumpf-Lieder singen lassen! Wobei, okay, das geht schon heute. Mit Youtube.

Dennoch: Verschwörungstheorien würden boomen, niemand wüsste mehr, woran man ist, eine Herausforderung für die Demokratie. Helfen könnte dann künstliche Intelligenz, ausgerechnet. Komplexe Algorithmen könnten Deep Fakes enttarnen und Aufschluss darüber geben, wie und wo ein Video oder eine Stimme manipuliert wurde. Bleibt nur zu hoffen, dass die Wahrheit dieses technologische Wettrüsten gewinnt.

 

Egal, was alle sagen: Nein, Daten sind nicht das Öl des 21. Jahrhunderts!

Dieser Satz scheint in aller Munde: „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts.“ So heißt es immer wieder. Aber das ist absoluter Quatsch, findet Christian Schiffer – und hat einen Vorschlag für eine treffendere Metapher.

„Daten sind der Rohstoff der Zukunft“, so beschwört es Angela Merkel immer und immer wieder. Und natürlich nicht nur sie: Unternehmer, Politiker, Silicon Valley-Kritiker, Bayern 2- Feuilletonisten – so ziemlich jeder.

Sie alle greifen immer wieder zu dieser griffigen Formulierung, darunter natürlich auch der ehemalige Digitalkommissar Günther Öttinger: „Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts.“ Das ist DER Powersatz des Digitaldiskurses, knapp gefolgt von der Schlaubi-Schlumpf-Erkenntnis „Wenn etwas kostenlos ist, bist Du das Produkt“. Natürlich wird das mit den Daten als Rohstoffen immer ein wenig variiert. Gerne sind Daten das „Gold der Zukunft“, etwas seltener die Kohle der Zukunft, gefühlt am häufigsten aber sind Daten das Öl der Zukunft, oder wer es – wie etwa im Europaparlament noch spezifischer haben möchte – der sagt „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts“.

Das Problem an dem Satz: Er ist ziemlicher Quatsch

Klar, früher hat man Geld mit Öl verdient, heute verdient man Geld mit Daten. Herzlichen Glückwunsch zu dieser verblüffenden Erkenntnis. Aber im Großen und Ganzen war es das dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Denn abgesehen davon, dass man Daten nicht anfassen, anzünden oder zu Kunststoff verarbeiten kann, dass Daten weniger Umweltprobleme verursachen, keine Autos in Bewegung setzen können und um Daten vielleicht Cyber – aber keine herkömmlichen Kriege geführt werden, abgesehen davon ist Erdöl eine endliche Ressource – Daten aber nicht. Und ein Öltropfen kann nur einmal verbraucht werden, dieselben Daten hingegen können vor mehreren Menschen, Unternehmen, Algorithmen verwendet werden und das sogar gleichzeitig.

Die Öl-Metapher bringt aber noch ein anderes Problem mit sich. Diese Woche etwa empfahl der Deutsche Städte- und Gemeindebund den Kommunen die Daten der Bürger doch einfach zu verkaufen, denn „Auch die Städte und Gemeinden müssen sich noch mehr klar machen, dass Daten das Öl des 21. Jahrhunderts sind und sich damit wichtige Einnahmen erzielen lassen“.

Daten sind aber eben keine Ware wie Kohle, Gold oder Öl, denn sie gehören erst einmal uns. Wir können Unternehmen oder Gemeinden erlauben, sie zu nutzen. Wenn sie aber verkauft werden wie an einer Tankstelle, dann ist das ein Problem.

Nicht jedes Bild, das sich gut anhört, ergibt auch Sinn

Deswegen werden wir jetzt ganz offiziell die „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts“-Metapher ins Weltall schieben – wie Nacktschneckenschleim um Mitternacht in Richtung Vollmond, um eine Warze loszuwerden. Wir müssen ran an dieses schiefe Bild, am besten mit dem Vorschlaghammer jeden Vokal einzeln filetieren. Man sollte es in einem Maßkrug voller Brent-Rohöl ertränken – und dann ein neues Bild finden, eines, dass besser passt.

Vielleicht ist es ja diese Metapher hier: „Daten sind das Bier des 21. Jahrhunderts“. Daten können in den falschen Händen großes Unheil anrichten und Bier ja auch. Bier ist ein GRUNDnahrungsmittel und für Daten gibt es auf EU Ebene jetzt die Datenschutz-GRUNDverordnung. Wer Daten ohne unser Wissen zu Profilen zusammenpantscht, der sollte sich bitteschön an Regeln halten müssen. Wie der Bierbrauer an das Reinheitsgebot. Sonst geht das den Bach runter wie Öl.

 

Wie „Africa“ von Toto vom totgehörten Hit zum angesagtesten Mem wurde

Von Alba Wilczek und Matthias Hacker

Der Song „Africa“ von Toto ist ein Phänomen. 1982 erschienen, war er 21 Wochen auf Platz 1 in den US-Charts und fast genauso lange in den Top 15 in Deutschland. Allein das offizielle Musikvideo auf YouTube hat mittlerweile fast 300 Millionen Views erreicht. Das sind mehr als Phil Collins „In The Air Tonight“ und „Hotel California“ von den Eagles zusammen. 

Diesem Ohrwurm ist einfach nicht beizukommen. Er funktioniert in der Großraum-Disco, beim Abhängen am Autoscooter, in der Karaokebar und in der Badewanne.

Im vergangenen halben Jahr hat er endlich auch das Internet gekapert. Der Song ist zum Phänomen mutiert und derzeit eines der erfolgreichsten Memes. Überall existieren Meme-Seiten, bei Reddit türmen sich schon lange Fantheorien, es gibt Exzerpte über die Interpretation des ulkigen Musikvideos und Q&A’s mit der Band. Jüngst hat ein junger Mann gar stolz seinen Volvo Baujahr anno 1960 so gepimpt, dass jedes Mal wenn der Motor läuft und die Tür offen steht, „Africa“ von Toto als 8bit Version erklingt.

Toto-Keyboarder David Paich hatte nie daran geglaubt, dass „Africa“ so ein Hit werden könnte wie „Hold The Line“ oder „Rosanna“. In letzter Minute schubste er – so sagt es die Legende – den Song noch auf ihr Hit-Album „Toto IV“. Die Melodie soll er innerhalb von nur zehn Minuten komponiert haben. Das Programmieren dieses Hardware-Orchesters hier hat wohl deutlich länger gedauert.

Und noch viele andere Nerds toben sich in ihrer „Africa“-Leidenschaft mit Erfindergeist und Experimentierfreude aus. Dieser junge Mann spielt den Softrock-Klassiker virtuos mit einem Quietschehuhn. Besonderes Augenmerk bitte auf seinen ernsten Blick in die Kamera.

Die Community liebt die Eingängigkeit des Songs und hasst gleichzeitig die Unwiderstehlichkeit.

Dieser hypnotische Beat ist wie eine Droge.

Mit seinen 35 Jahren wäre „Africa“ eigentlich ein Track aus der Kategorie: Hängt nur noch in den Oldies-Schleifen der Provinzradios oder auf 80er-Compilations des Grauens fest. Aber jetzt schenkt ihm das Internet mithilfe einer riesigen Flut an Memes seine x-te Renaissance. Und womit – mit Recht. Und jetzt alle: „I bless the rains down in Africa…“

 

Wie Trump eine Casting-Show für Drag Queens zum Quotenhit machte

Von Katja Engelhardt

RuPaul hat mehrere Emmys gewonnen, seit wenigen Tagen einen Stern auf dem Walk of Fame und der renommierte Musikblog Pitchfork interessiert sich plötzlich dafür, was RuPaul so für Musik hört – aber: Wer ist RuPaul? 

In den USA ist RuPaul seit Jahrzehnten im Showgeschäft aktiv: als Model, Drag Queen und auch als Sänger. In Deutschland lernt ihn jetzt eine neue Generation kennen und eher durch seine Reality TV Show „RuPaul’s Drag Race“. Das ist ein Wettbewerb für Drag Queens.

Aufbegehren gegen das Trump’sche Weltbild

Für die deutsche Fernsehlandschaft noch undenkbar, in den USA das Erfolgsmodell der Stunde: 14 Männer, die sich angezogen haben wie Frauen, schneidern, singen und modeln um die Wette. Berühmte Gast-Juroren wie Christina Aguilera, Gigi Hadid oder Lady Gaga bewerten sie darin. Die Einschaltquoten steigen und steigen und steigen. Das Format ist ein gesellschaftliches Phänomen. Es ist ein popkulturelles Aufbegehren gegen Engstirnigkeit, Intoleranz und nennen wir das Kind beim Namen: gegen Donald Trump.

RuPaul’s Drag Race“ ist wie Germany’s Next Top Model ein Reality TV Wettbewerb. Es gibt mehrere Teilnehmerinnen, und in jeder Folge eine neue Herausforderung – Kleider entwerfen, Choreografien einstudieren oder Comedy performen. Und natürlich fliegt pro Folge eine raus. Aber wo eine Sendung wie Germany’s Next Topmodel Menschen so lange in Schablonen presst bis sie gleichförmig sind, feiert „RuPaul’s Drage Race“ Persönlichkeiten. Jede Drag Queen ist anders und je weiter sie das herausstellen kann, desto besser sind ihre Chancen zu gewinnen. Es gibt Cabaret-Queens, Schönheitsköniginnen, Comedy-Queens und reine Karikaturen. Während die Eine aussieht wie eine Leinwand-Diva aus den 50ern, ähnelt die Andere einer kaputten Barbie-Puppe. Alle hinterfragen, was es heißt ein Mann zu sein, wie eine Frau sich verhält – oder auch nicht – und testen aus, wo die Grenze verläuft – um sie dann einzureißen.

Ein Gamechanger für Drag Queens

Für Drag Queens in Amerika ist das ein Game Changer: Sie erhalten durch die Show Sichtbarkeit und manchmal sogar eine Karriere. Einige von ihnen waren vor der Show schon kleine Instagram-Stars, andere arbeiten Jahrzehnte und für wenig Geld – bis sie bei „RuPaul’s Drag Race“ landen. Und dann geht es ziemlich sicher steil bergauf. Teilnehmerin Milk modelte für Designer Marc Jacobs. Naomi Smalls interviewt für die Cosmopolitan den Rap Star Cardi B. Drag Queen Katya hat eine eigene Show auf Viceland – zusammen mit Trixie Mattel, die mit einem Countryalbum an der Spitze der Billboard-Charts gelandet ist.

Aber die Sendung „RuPaul’s Drage Race“ ist mehr als ein Sprungbrett für eine Karriere in der Entertainment Industrie. Sie ist zutiefst politisch. Gerade in der Trump-Ära hat es einen besonderen Effekt, wenn RuPaul, ein schwuler schwarzer Mann, als Frau verkleidet singt, dass er Amerikaner ist. Und offensichtlich stolz darauf.

Trump macht die Sendung noch besser

Dabei blicken die Züge von Trumps Regentschaft immer wieder durch. Vielleicht hat sie sogar die besten Staffeln von „RuPaul’s Drag Race“ erzwungen. Weil die Sendung jetzt noch expliziter politisch ist – und gegen das gesellschaftliche Klima, das Trump schafft. Die Show ist auf den ersten Blick eine sichere Zone, in der es keine Vorurteile und keine missbilligenden Blicke, ein kleines Paradies für Drag Queens. Damit gibt sich die Sendung aber nicht zufrieden. In der letzten Staffel war die demokratische Senatorin Nancy Pelosi zu Gast – für die Belange von Minderheiten. Sie nutzte den Auftritt und rief die Zuschauer zum Wählen auf. Die Teilnehmerinnen sollen sich engagieren, das Publikum soll sich stark machen für Minderheiten.

Welche andere Show kann das schon so unverblümt transportieren? RuPaul bringt mit seiner TV Show eine Weisheit der queeren Szene in den Mainstream: Wir werden alle nackt geboren, der Rest ist Drag – also Verkleidung. Wir sind mehr als unsere Körper und deswegen auch mehr als unser angeborenes Aussehen, unsere Hautfarbe oder unser Geschlecht. Mit diesem Selbstverständnis predigt „RuPaul’s Drage Race“ Humor, Fairness, Gleichheit und Selbstliebe. Und das können wir alle gebrauchen.