#failoftheweek: Wer hat Angst vorm bösen Hacker?

Ein „Hack“ hält die Bundesrepublik in Atem – und entpuppt sich als viel heiße Luft. Christian Schiffer ist überzeugt: Das Problem sind keine 20-jährigen Nerds mit Fortnite auf dem Zweitmonitor. Sondern unsere eigene Dummheit.

Dieses Jahr jährt er sich zum 35. mal: Der berühmte BTX-Hack, bei dem zwei Computerfreaks die Hamburger Sparkasse um über 130.000 D-Mark erleichtert hatten. Das Geld gaben sie zurück, sie wollten nicht reich werden, sondern auf die schwerwiegenden Sicherheitsprobleme des BTX-Systems aufmerksam machen. Der Hack machte den Chaos Computer-Club schlagartig berühmt und den Hacker auch hierzulande zu einer mythisch umrankten Figur.

Ein Hacker, das war jemand, der über geradezu arkane Fähigkeiten verfügte, einer, der in Systeme eindrang, sie manipulierte, ein Computer-Freak mit dem schwarzen Gürtel in Computer-Taekwondo. Wenn man den Hacker etwas fragte, dann antwortete er meistens in einer Art Geheimsprache, die nur er und seinen Hacker-Buddies aus den sinisteren Hacker-Zirkeln verstanden.

Jeder kann ein Hacker sein – aber muss man?

Und heute? Heute geht als Hacker schon ein 20-jähriger durch, der sich im Darknet ein paar Passwörter kauft und ansonsten einfach nur ein Mensch mit zu viel Zeit, großer Akribie und typischen Rechtsaußen-Ansichten zu sein scheint. Trotzdem war die ganze Woche über die Rede vom größten Hackerangriff in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Und für Bild-Chef Julian Reichelt war am Dienstag klar:

“Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein. Das Wahrscheinlichste ist, dass es zumindest staatliche Unterstützung – von welcher Seite auch immer – für diesen Hack gab.“

Mit „Hackback“ gegen Fortnite-Nerds?

Die einzige große Struktur bei dem „Hack“ war aber das Ego des „Hackers“, der vermutlich bei Pizza und Cola light im Keller saß und beim „hacken“ so viele Spuren hinterließ, dass ihn die Polizei innerhalb kürzester Zeit ausfindig machen konnte. Unterdessen forderte Unionsfraktionsvize Thorsten Frei trotzdem den sogenannter „Hackback“, die Lizenz zum Zurück-Hacken. Dafür wäre eine Grundgesetzänderung notwendig und man kann sich fragen, was das eigentlich bringen soll: Soll die deutsche Cyberarmee in Zukunft gegen 20-jährige Schüler aus Homberg in Marsch gesetzt werden? Sollen unsere Computerstreitkräfte dann aus Vergeltung für das Veröffentlichen von Politiker-Handynummern seine Fortnite-Accounts lahmlegen? Oder noch kräftiger an der Spirale der Gewalt drehen, es auf die totale Eskalation ankommen lassen, alle verfügbaren Kräfte mobilisieren und zusätzlich auch noch seinen Minecraft-Account zerdeppern?

Die Schussfolgerungen aus diesem sogenannten „Hack“ müssen ganz andere sein: Man muss dafür sorgen, dass Doxing als Problem ernst genommen wird. Man muss dafür sorgen, dass „Passwort“ nicht mehr als Passwort verwendet wird und, auch wenn das wirklich schade ist, ja auch nicht mehr „ficken“, das angeblich viertbeliebteste Passwort der Republik. Was wir brauchen ist eine Art Internet-Erziehung, so wie früher Verkehrserziehung. Was wir brauchen ist eine Art Internet-Helmi, nur eben für Erwachsene. Denn die Bedrohung geht nicht von vermeintlichen Hackern aus, sondern von unserer Blödheit, Bequemlichkeit und Unwissenheit.

 

#failoftheweek: Facebook ist die schlimmste Skandalnudel aller Zeiten

Windige Beratungsagenturen, verbaselte Daten… Facebook produziert Skandal um Skandal. Christian Schiffer glaubt: Jetzt hilft nur noch ein Klinik-Aufenthalt.

Cleopatra-Darstellerin Elizabeth Taylor war nicht nur eine der größten Schauspielerinnen ihrer Zeit – auch eine enorme Skandalnudel. Besonders legendär ihre Affäre am Cleopatra-Set mit Richard Burton – dabei waren beide doch noch verheiratet! Weitere wichtige Skandale der jüngeren Menschheitsgeschichte: Britney Spears mit Glatze, David Hasselhoff verspeist einen Burger, Jenny Elvers sitzt in einer Talkshow, Naddel lässt ihre Brust wiegen und irgendwas mit Lindsey Lohan.

Mittlerweile gibt es aber eine Skandal-Nudel, die sie alle überragt. Eine Skandalnudel, die Skandale in etwa derselben Frequenz raushaut wie eine AK47 Gewehrpatronen. Eine Skandalnudel, die keine Allüren kennt, eine Skandalnudel zum Anfassen, eine Skandalnudel, der wir nahe sein können, ja, die sich sogar für uns und unsere Probleme interessiert wie niemand anderes sonst! Die Rede ist natürlich von Facebook.

Mark Zuckerbergs Skandalsucht

Im April erst hatte sich Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress entschuldigt: Facebook sei ihm halt irgendwie über den Kopf gewachsen. In Zukunft müsse Facebook nicht nur Fake News und Hassrede eindämmen, sondern auch dafür sorgen, dass die Daten seiner Kunden geschützt werden. Seitdem aber nur noch mehr Skandale, Skandal, Skandale…

https://twitter.com/amberdiscko/status/983781083086049285

Mal geht es um windige Beraterfirmen, die Facebook-Kritiker mit Schmutz bewerfen sollen, dann wieder darum, dass Drittanbieter auf 6,8 Millionen Bilder zugreifen konnten, die eigentlich auf privat gestellt waren. Und jetzt sollen Dienste wie Netflix oder Spotify Zugriff gehabt haben auf private Chats.

Facebook liegt im Chaos

Die Ursache dieser Blamagen liegt in der Zeit begründet, als Facebook noch jung war und wild und mit jedem etwas anfing. Damals, Anfang der Zehner-Jahre, da wollte Facebook offen sein für alle: Eine Plattform sollte Facebook werden, mit eigenem App-Store, Geld sollte nicht unbedingt nur durch Werbung verdient werden, sondern damit, dass man mit Drittanbietern zusammenarbeitete. Ein Beispiel: Farmville, ein Bauernhof-Spiel, das einem heute fast so alt vorkommt wie Kleopatra.

Damals ging Facebook sehr freigiebig mit seinen Schnittstellen um, offenbar durfte jeder mal ran, mit über 150 Firmen soll Facebook Daten geteilt haben. Viele diese Liaisons liefen 2017 aus, aber wie das Klatschblatt New York Times ausplaudert, sind manche dieser Deals bis heute in Kraft. Und so verfestigt sich der Eindruck, dass Facebook die Übersicht verloren hat, wer wann wie welchen Zugang zum eigenen Datenschatz erhalten hat.

Facebook braucht eine Auszeit

Da stellt sich natürlich die Frage: Was macht man mit so einer Skandalnudel? Wie bringt man sie zurück auf den Pfad der Tugend? Wie macht man aus ihr wieder ein wertvolles und angesehenes Mitglied der Gesellschaft? Eigentlich hilft nur noch eines: Eine Auszeit. Ab in die Betty Ford-Klinik für derangierte soziale Netzwerke! Aufräumen, aufarbeiten, sich den Problemen stellen. Um dann in Würde zu altern.

 

Warum die Gelbwesten wenig mit bösen Bots zu tun haben

Jetzt sollen Social Bots also auch noch schuld sein an den Gelbwesten-Protesten in Frankreich. Christian Schiffer findet im #failoftheweek hingegen: Alles Tech-Voodoo!

 

Diese Woche dann also doch: Emanuel Macron hielt eine Rede an die Nation. 21 Millionen Franzosen schauten zu, wie der Präsident nicht nur soziale Wohltaten ankündigte, sondern auch sich selbst eine Mitschuld gab, an den Protesten der Gelbwesten: Ja, auch er habe Fehler gemacht, er sei blind gewesen für die Probleme und die Wut vieler Franzosen. Doch dann ploppten diese Woche noch weitere Schuldige auf.

Schuldige mit so klingenden Namen wie etwa cryptodu30 oder teluap@06. Schuldige, auf die man irgendwie alles abwälzen kann, sei es die Wahl von Donald Trump, den Brexit und das Aufkommen von Fake News. Schuld haben sollen Social Bots, denn die sollen nicht nur die Proteste der Gelbwesten angefeuert haben, sondern auch die gegen den Migrationspakt. Der Glaube, an die Macht von Bots hat dabei fast schon etwas von Tech-Voodoo: Einfach bei Vollmond ein paar Bots basteln und fertig ist die Revolte. Bei einem der bekanntesten und größten der rechten Twitter-Bots, liest sich das dann so:

 

NEW VIDEO by Hagen Grell: Kein Witz! UN Migrationspakt aus #Merkels Feder? – Bystron (#AfD)

NEW VIDEO by Red Ice TV: Global Compact for #Migration Impact on Finland – Impivaara

NEW VIDEO by Martin Sellner (German): Wie man Straßburg verhindern kann – Ein Rezept

Langweiliger geht’s eigentlich kaum. Aber natürlich: Social Bots verbreiten politische Botschaften und sie tun das mit einer Ausdauer, die die nicht mal der hartgesottenste menschliche Troll aufbringen kann. Sie essen nicht, sie schlafen nicht, sie müssen nicht aufs Klo. Doch andererseits: Sie antworten auch nicht oder nur ziemlich wirr und sind oft leicht zu erkennen, entweder mit gesundem Menschenverstand oder mit speziellen Tools. Richtig viele Follower haben sie auch nur in seltensten Fällen. Mag sein, dass, künstliche Intelligenz irgendwann zu raffinierteren Bots führen wird, die man von Menschen dann gar nicht mehr unterscheiden kann, aber so weit sind wir noch lange nicht. Einfluss auf Debatten nehmen immer noch vor allem Menschen, auch wenn diese Menschen vielleicht in irgendwelchen Trollfabriken sitzen, wo sie Tag ein Tag aus im Accord twittern, retweeten, mit Sockenpuppen-Accounts herumjonglieren und versuchen Debatten zu beeinflussen. Vor einem Jahr kam beispielsweise heraus, dass der Twitter-Promi Jenna Abrams gar keine Frau war, also eine echte Frau aus Fleisch und Blut, sondern ein Fake-Profil – betrieben von einer Petersburger Trollfabrik. Trotzdem folgten ihr 70.000 Menschen und trotzdem wurden ihre Tweets von namhaften Medien zitiert und von Trump-Mitarbeitern weiterverbreitet.

Ein Bot hat keine Angst, dass am Ende des Monats das Geld nicht reicht

Jenna Abrams war Fake, die Wut der französischen Gelbwesten ist es nicht. Das zeigen nicht zuletzt die zahlreichen Wut-Selfies, die durch die sozialen Medien schwappen, das zeigt aber auch einer der Slogans der Bewegung, der viral gegangenen ist, nämlich: „Sie reden vom Ende der Welt, aber wir, wir reden vom Ende des Monats“. Ein Bot hat keine Angst, dass am Ende des Monats das Geld nicht reicht, ein Mensch schon, eben deswegen braucht es auch keine Bots, die einen solchen Satz verbreiten. „Back to real life!“ will man da fast schon den Politikern zurufen, die sich überbieten mit Forderungen nach Anti-Bot-Maßnahmen, obwohl sie doch gar keine Anti-Bot-Maßnahmen fordern müssten, wenn sie mit derselben Inbrunst Anti-Armuts-Maßnahmen fordern würden. Macron hat das hoffentlich verstanden.

 

 

#failoftheweek: Das neue Digitalministerium ist genauso überflüssig wie Windows Vista

Judith Gerlach ist die große Überraschung im Kabinett von Markus Söder. Die 33-jährige darf das erste bayerische „Digitalministerium“ leiten. „Digitalministerium“, das klingt erstmal total gut, nach cyber und schnellem Internet und lustigen Katzen-Gifs. Die Realität wird aber vermutlich eher trostlos, meint Christian Schiffer.

Dr. Markus Söder überreicht Judith Gerlach die Digital-Urkunde

Judith Gerlach ist CSU-Abgeordnete, 33 Jahre alt, Bayern-, Schweinebraten-, und Familien-Fan; 1.015 Follower bei Insta, 2.240 bei Facebook. Leider Null auf Twitter. Bei Twitter hat Judith Gerlach nämlich nicht mal einen Account, was ihr ein wenig Spott eingebracht hat, vor allem auf Twitter selbst, wegen #Neuland und so. Diese Judith Gerlach soll nun Deutschlands erstes Digitalministerium leiten, ein Ministerium, das sich unheimlich nach Zukunft, Innovation und Cyberirgendwas anhört, bei dem man sich aber auch fragen kann, was das Ganze soll.

Denn Internet ist nicht nur irgendein Querschnittsthema, es ist die Mutter aller Querschnittsthemen. Im Bundesverkehrsministerium kümmern sich allein 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um Fragen der Digitalisierung. Sogar im Landwirtschaftsministerium sind es immerhin noch zwei. Wenn wir von Kulturpolitik sprechen, sprechen wir oft auch von Digitalpolitik. Auch wenn es um Wirtschafts- , Infrastruktur- oder Gesundheitspolitik geht und genauso bei der Innen- und der Justizpolitik.

Digitalpolitik, das ist wie Ei-Glibber, der eine saftige spanische Tortilla zusammenhält: Es ist überall mit drin und es rauszupulen und in ein eigenes Ministerium zu verfrachten, das ist keine besonders gute Idee. Trotzdem wird seit Jahren auch auf Bundesebene ein Digitalministerium gefordert: von der FDP, von Lars Klingbeil, vom Mittelstand, von der AfD, von der IT-Industrie, von Cem Özdemir, von Alexander Dobrindt und natürlich Hubert Aiwanger von den Freien Wählern.

Eine Bad Bank für kreuzlangweilige Themen

Das „Digitalministerium“ scheint zur Generallösung zu werden. So eine Art „Wir müssen mehr in die Bildung investieren“ – nur halt fürs Netz. Dabei wirkt das Digitalministerium, zumindest in Bayern, eher wie eine Bad Bank für kreuzlangweilige Themen: Alles, was so sedierend klingt, dass es einen direkt ins Koma schickt, soll in diesem Ministerium gebündelt werden: IT-Kooperation im Bund, IT-Recht, IT-Controlling, Digitalisierung der Verwaltung. Themen also, die zuvor im Finanzministerium, in der Staatskanzlei oder im Justizministerium bearbeitet wurden – wo sie eigentlich auch hingehören.

Am aufregendsten ist noch, dass das neue Ministerium für die Film– und Computerspielförderung zuständig sein soll. Vermutlich, um wenigstens ein kleines Budget verwalten zu dürfen. Aber auch das hat natürlich sehr viel mehr mit Kultur zu tun, als mit Internet.

Als „Zentrale Vordenker-Stelle“ sieht der frischgebackene Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger das neue Digitalministerium. Das wiederum klingt irgendwie nach Internet-Bundespräsidialamt. Dorothee Bär ist auf Bundesebene als Digital-Staatsministerin im Kanzleramt eigentlich ja genau das: Wenn irgendwer eSport nicht fördern möchte, dann mahnt und warnt die CSU-Politikerin und wenn Deutschland mal wieder beim Netzausbau oder den Flugtaxis hinterherhinkt, dann soll bitteschön endlich mal wieder ein Ruck durch das Land gehen.

Wir können nicht nur Lederhose, sondern auch Laptop – ein bisschen

Dazu koordiniert Dorothee Bär die Digitalthemen der verschiedenen Ministerien, was ja sinnvoll ist bei einer Position, die im Kanzleramt angesiedelt ist. Genau so hätte man das in Bayern auch handhaben können, stattdessen bekommen wir nun ein Schaufenster-Ministerium, das in etwa genauso überflüssig ist wie Windows Vista.

Und das alles nur, damit irgendwer sagen kann: Schaut‘s her! Wir können nicht nur Lederhose, sondern auch ein bisschen Laptop.