Die Gif-Mania auf Facebook

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Freudentränen oder Wahnsinn? Facebook unterstützt Gifs – diese kleinen animierten Bilder, die sich endlos wiederholen. Bald soll sogar das Profilbild vergif-bar sein. Dabei ist der Trend um Gifs gar nicht neu! Seit Jahren geht es rund in der Gif-Welt. Von Christian Alt

Die Geschichte des Gifs beginnt mit einem Rätsel: Wie galoppiert eigentlich ein Pferd? Genauer gesagt: Gibt es einen Moment im Gallop, in dem alle vier Beine des Pferdes in der Luft sind? Im Jahr 1872 wird der britische Dokumentarfotograf Eadweard Muybridge beauftragt, endlich eine Antwort zu finden. Sieben Jahre lang fotografiert Muybridge unzählige Pferde, verschlingt Unmengen an Geld und Fotofilm, aber 1879 hat er endlich eine Lösung: Er löst zwölf Kameras schnell nacheinander aus. Und presst diese zwölf Bilder auf eine Scheibe, die er in einen Apparat einsetzt. Dreht man dann an einer Kurbel, fängt das Pferd an zu laufen und tatsächlich: Für einen kurzen Moment sind alle vier Beine des Pferdes in der Luft. Das erste analoge Gif war geboren:

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„The Horse in Motion“ von Eadweard Muybridge, 1878

Knapp 140 Jahre später funktionieren Gifs noch genauso: Eine Reihe an Bildern wird unendlich oft wiederholt. Nur geht es heute nicht mehr um ungeklärte Fragen der Menschheit, sondern eher um Beef im Netz. Mit Reactiongifs, also kurzen Videoschnipseln, die oft aus Filmen kommen, kann jede noch so blöde Netzdiskussion einfach abgekürzt werden. Wenn jemand einfach nicht auf meine Argumente eingeht, poste ich:

truth-2

Quelle: Imgur

Oder wenn ich sehe, wie jemand aus meinem Freundeskreis offen für Pegida wirbt:

asshole

Quelle: Imgur

Besonders auf Facebook ist gerade eine regelrechte Gif-Mania ausgebrochen. Auch die ehrwürdige Zeit sieht im Bewegtbildhype keinen kurzlebigen Trend, sondern eine Verschiebung unserer Mediennutzung. Facebook bietet inzwischen sogar eine eigene Gif-Tastatur an, die jeden Familienchat zu einer Tour de Force der lustigen Bilder macht.

i am your father

Quelle: Imgur

Die Suche nach dem idealen Loop

Facebook springt damit auf einen Zug auf, der schon seit Jahren mit Hochgeschwindigkeit unterwegs ist: Tumblr, Reddit und 4Chan sind voll mit Gifs. Nur ist da die Community schon einen Schritt weiter: Unzählige Blogs posten nicht nur lustige Reactiongifs, sondern machen Gif-Kunst. Einer der bekanntesten Künstler ist der Niederländer Floris Kloet. Gifs interessieren ihn wegen der künstlerischer Grenzen:

In einem Video kann man Dinge sehr ausführlich erklären. Das ist schon mal mehr als bei Fotos geht. Aber wir Gif-Bastler sind gezwungen, unsere Botschaft auf sehr kleinem Raum unterzubringen. Das macht die Botschaft umso stärker.

Floris macht Cinemagramme. Das sind Filmszenen, bei denen sich nur ein kleiner Teil des Bildes ändert: regungslose Gesichter, denen eine kleine Träne die Wange runterkullert oder Standbilder von Naturaufnahmen, wo im Hintergrund ein kleiner Wasserfall rauscht. Oder dezentes Schneegestöber:

Floris Kloet

Quelle: Floris Kloet, technoir.nl

Floris Kloet arbeitet an solchen Gifs schon seit Jahren.Was ihn antreibt, ist die Suche nach dem idealen Loop. Denn ein Gif ist erst dann perfekt, wenn man nicht mehr weiß, wo es aufhört und wo es endet:

Ich versuche immer, den Loop richtig hinzukriegen, damit es ohne Unterbrechung läuft. Manchmal geht das, manchmal nicht. Oft ist das sehr anstrengend. Wenn dein Cinemagramm aus 48 Bildern besteht, dann musst du 48 mal das Bild bearbeiten. Das dauert meistens ein paar Stunden. Manchmal aber sogar zwei ganze Tage.

 

Zwei Tage Arbeit für ein kleines Gif?

Die Detailversessenheit zahlt sich aus: Floris ist ein gefragter Künstler. Er soll für viele Filme und Festivals Gifs beisteuern. Besonders hochwertige Online-Magazine ersetzen Fotos gerne durch schmucke Gifs. Hippe Portale wie Buzzfeed, Bento oder Zett setzen jetzt schon auf Gifs. Politische Kommentare werden mit Reactiongifs aufgemotzt und Live-Blogs mit Gifs gefüllt.

Besonders die gerade in den USA laufenden Debatten der Republikaner und Demokraten werden am laufenden Band vergift. Die Zahl der Donald-Trump-Gifs ist schon jetzt unüberschaubar:

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Quelle: CNN, cnn.com

Und tatsächlich: Manchmal kann ein Gif mehr leisten als ein schnödes Bild. Glaubt man Analysten, verlor George Bush Sr. 1992 die Wiederwahl, weil er während einer Präsidentschaftsdebatte auf die Uhr gesehen hat …

bushwatch

Quelle: The Wire, thewire.com

Gifs können solche kleinen Momente konservieren, sagt Floris Kloet:

Wenn bei einer Preisverleihung oder einer politischen Veranstaltung irgendwas Komisches passiert und du ein Gif draus machst, wird sofort klar, was passiert. Bei einem Video musst du auf den Moment, in dem was passiert, warten. Bei einem Foto muss der Fotograf den perfekten Moment abpassen. Gifs sind der schnelle Weg, nur das zu zeigen, was wirklich wichtig ist.

Aber: Nicht jeder Moment ist gif-bar

Apple hat vor ein paar Wochen mit Live-Photos ein neues Feature vorgestellt. Jedes Foto, das mit dem Iphone 6S geschossen wird, ist eine Art Gif. Eineinhalb Sekunden vor und nach dem Drücken des Auslösers werden aufgenommen. In der Präsentation sieht man kleine Mädchen, die vor dem Foto total süß und schüchtern in die Kamera gucken oder wogende Wellen.

Ist das jetzt schon die Zukunft, werden also solche Minivideos statische Bilder ablösen? Nein. Denn zwischen Marketingträumen und Realität klafft eine große Lücke: Das neue Foto-Feature führt zu Minivideos, die alle gleich aussehen – für eineinhalb Sekunden wird die Kamera aus der Tasche gekramt, der Auslöser gedrückt und das Handy wieder in die Tasche zurückgesteckt. Apple hat inzwischen sogar per Software-Update nachgeholfen und die Handys mit einer „Ich werde aus der Tasche gekramt“-Erkennung ausgestattet. Aber jedes Update kann eine einfache Wahrheit nicht aus dem Weg räumen: Nicht jeder Moment ist gif-bar. Nur manche.

 

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