#failoftheweek: Wenn schon nackt, dann bitte alle

Konzertveranstalter, Besucher und auch Adele hassen sie: In die Luft gereckte Hände mit Smartphones. Apple hat jetzt eine Lösung für das Problem gefunden – und könnte dadurch gleich ganz neue Problem schaffen

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Du kennst das sicherlich auch: Da hast Du 400 Öcken für das Ticket auf Ebay berappen müssen und jetzt steht Du endlich hier, in Berlin, in der O2-Arena, um SIE zu sehen. SIE, die in Tottenham bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, weil der Vater sie verließ, als sie drei Jahre alt war. SIE, die immer gehänselt wurde, weil sie etwas dickerwar, die aber immer an sich geglaubt hat, sich durchgesetzt hat, und jetzt die Welt mit ihrer Stimme verzaubert. SIE, das ist natürlich Adele, die ungekrönte Königin der Powerballade, die ihre Songs selbst schreibt und mit „Someone Like You“, den berührendsten, herzzerreißendsten, schönsten und traurigsten Song überhaupt erschaffen hat. 2011 hat Adele „Someone Like You“ auf den Brit-Awards performt, das Video wurde bis heute 158,473,580 mal angeklickt. Zurecht, denkst Du Dir, denn dieser Clip ist das Schönste was es gibt im Internet, auch wenn die Musik-Hipster vom Zündfunk das nicht einsehen wollen. Am Ende schluchzt Adele darin sogar ein wenig vor Rührung.

So stehst Du da also in der O2-Arena in Berlin, andächtig, fasziniert, Du lässt Dich einlullen von Adeles Engelsstimme. Du willst SIE sehen, SIE, die nach eigener Aussage am liebsten bei Liebeskummer komponiert, was Dich ja nicht im Geringsten wundert. Und dann…

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Und dann schiebt irgend so ein Apfelsaftgesicht sein Kacksmartphone in Dein Sichtfeld, zwischen Dir und Adele schwebt jetzt eine Art durchsichtiger Ziegel mit Apfellogo drauf und Adele ist nur noch Pixelbrei. „Warum macht das Apfelsaftgesicht das?“, fragst Du Dich Weil das Apfelsaftgesicht aus Adeles Kunst ein verwackeltes Kackvideo machen will, denkst Du Dir, mit Blechsound, das es dann auf Youtube stellt, wo es bereits 38474 Millionen andere Kackvideos mit Blechsound gibt. Vielleicht ist das Apfelsaftgesicht aber auch nur wie Walter Faber aus Max Frischs Homo faber, kann die Welt also nur durch eine Kamera betrachten, wegen irgendwelcher unverarbeiteten Traumata. Vielleicht ist auch diese Snapchat-Scheiße schuld. Ist aber auch wurst jetzt. Denn letztens hat nämlich Adele genauso so ein Apfelsaftgesicht ganz schön rund gemacht:

Ja, ein Konzert ist eben keine DVD, da hat sie natürlich recht, die Adele. Ein wenig irritiert es Dich zwar schon, dass sie einen Fan vor versammeltem Publikum bloßstellt, aber auch das ist jetzt mal wurst jetzt. Denn für das Problem hat Apple jetzt eine Lösung entwickelt und ein Patent angemeldet. Das Patent hat einen wunderbaren Namen, der ein wenig klingt nach Damien Hirst-Kunstwerk. Es heißt:

„Systems and methods for receiving infrared data with a camera designed to detect images based on visible light“

Technisch basiert „Systems and methods for receiving infrared data with a camera designed to detect images based on visible light“ auf Infrarot-Signalen, die von der Bühne aus einen Block-Befehl an die Zuschauer-iPhones senden. Und das kling erst mal gut, denkst Du Dir. Keine Hightech-Ziegelsteine mehr auf Adele-Konzerten und auch kein Abkleben mehr Deiner Smartphone-Kamera wenn Du mal ins Berghain willst.

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Aber dann kommst Du ins Grübeln: Was, wenn nicht Adele, sondern der Staat die Technik nutzt? Damit man nicht mehr die Einsätze von Polizisten filmen kann zum Beispiel? Gerade in den USA ist der Hightech-Ziegelstein eine wichtige Waffe geworden für Bürgerrechtler im Kampf gegen Polizeigewalt.
Es stimmt schon: Dass jeder überall filmen kann, ist oft nervig und manchmal auch ein Alptraum für die Privatsphäre. Aber wenn das schon so ist, dass soll das bitteschön für alle gelten, wenn schon nackt, dann müssen alle nackt sein: Du, ich, Adele, der Staat, die Polizei und natürlich auch Apfelsaftgesicht. Wenn alle nackt sin, dann stört es niemanden mehr, das ist so wie in der Sauna, denkst Du Dir. Und plötzlich hoffst Du, dass Apples neue Technologie niemals zum Einsatz kommen wird. Und dann bist Du wieder hier, in der O2-Arena und singst mit: SOMEONE LIIIKEEE YOUUUUU! UHUHUHUHUUU!

 

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