#failoftheweek: Warum mit Vero der nächste potenzielle Facebook-Killer hochgejazzt wird

Peach, Google Plus, Ello, Sarahah, Yo, Diaspora, Yik Yak, Path, Mastodon, Whisper, Secret, App.net, Tsu, EyeEm, Beme, Dropon, sie alle wollten Facebook schon vom  Thron stoßen, gelungen ist dies allerdings keinem dieser Netzwerke. Diese Woche wurde mit Vero der nächste potenzielle Facebook-Killer hochgejazzt. Wie sehr muss man eigentlich Facebook hassen, um nach jedem dürren Strohhalm zu greifen?

Seit fünf Monaten steht das Werbevideo zu Vero schon im Internet herum, aber bis zu dieser Woche hat sich kaum jemand für die App interessiert. Doch jetzt plötzlich ist er da, der Hype und jeder will rein bei Vero, es ist ein einziges Geschubse und Gedränge, dauernd stürzt das Social Network unter dem Ansturm ab oder akzeptiert den Zugangs-Code nicht. Und wenn man sich nach unzähligen Versuchen dann doch am Türsteher vorbeigemogelt hat, fühlt man sich, als hätte man nachts um halb eins einen Goth-Club betreten: Das Design besteht vor allem aus verschiedenen Variationen der Farbe Schwarz, es ist sehr leer, sehr sehr langweilig. Und wenn man ein kunterbuntes, lebensbejahendes Motivationsbild mit seinen exakt nullkommanull Freunden teilen möchte, dann bricht alles zusammen.

Und trotzdem wird Vero zum neuen Instagram oder Facebook-Killer hochgeraunt, so wie zuvor schon Tsu, Dropon, Path, Mastodon, Ello, Pandora und all die anderen Anti-Monopolisten Robin Hoods, an die sich heute keine Sau mehr erinnert.

Auch Vero verspricht irgendwas anders zu machen, genauer: irgendwas, das nachdenkliche Bayern2-Feuilletonisten wie wir wichtig finden. Leute also, für die „The Circle“ von Dave Eggers das hellsichtigste Buch der letzten 800 Jahre ist, die Daten für „das Öl des 21. Jahrhunderts“ halten, die sich tagein, tagaus ganz fürchterlich vor „der Macht der Algorithmen“ fürchten und für die der Satz „Wenn etwas für Dich umsonst ist, bist du das Produkt“ eine Weisheit geradezu buddhistischen Ausmaßes ist. Also wirbt Vero damit, dass es werbefrei ist, keine unnötigen Daten sammelt und von keinem Algorithmus die Posts vorsortieren lässt. Bei so viel Streberhaftigkeit wird dann auch großzügig darüber hinweg gesehen, dass hinter dem Netzwerk fragwürdige Finanziers stehen und Vero in etwa so verbuggt ist, wie eine mazedonische Motel-Matratze.

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Wie sehr also muss man Facebook hassen, dass man ausgerechnet Vero zum Konkurrenten der blauen Seiten hochjazzt? Ein Netzwerk, dessen AGBs auch keine Offenbarung an Verbraucherfreundlichkeit sind und das weniger Innovationen zu bieten hat als die deutsche Elektroautoindustrie. Wie groß muss die Abneigung sein gegen Facebook, dieses subproletarische „blue collar“ Social-Vorzeige-Network, bei dem so ziemlich jeder Mitglied ist, auch der kleine Mann von der Straße, auch Otto Normaluser, auch Krethi und sogar Plethi? Wie groß ist die Feindseligkeit gegenüber dieser friedliebenden Oase im Internet, der man doch kaum mehr vorwerfen kann, als Hass zu fördern, den Datenschutz zu missachten, Filterblasen und Faschismus zu produzieren und den Russen dabei geholfen zu haben, Donald Trump ins Weiße Haus zu bugsieren?

Okay, zugegeben: Eine Alternative zu Facebook, Instagram und all den anderen Kommerz-Netzwerken wäre ganz gut, aber deswegen muss man nicht gleich nach jedem noch so dürren Strohhalm greifen, der einem von bezahlten Influencern hingehalten wird! Stattdessen sollte man vielleicht mehr über genossenschaftlich organisierte oder von mir aus auch öffentlich-rechtliche Alternativen nachdenken, – zumindest was die ein oder andere Funktionalität angeht. Dann machen endlich auch wir Bayern2-Feuilletonisten unseren Frieden mit den sozialen Medien.

 

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