Wie hot darf’s denn sein? Nichts polarisiert mehr als Hot Pants und Sommermode

Michelle Obama tanzt in Hotpants zu Beyoncé und wird gefeiert. Derweil verhüllen sich bayerische Gymnasiastinnen mit XXL-T-Shirt, ohne dass sie jemand dazu aufgefordert hätte. Die Burka-Debatte ist im Sommermodus. Wird Zeit, dass es abkühlt, findet Elisabeth Veh.

Wahrscheinlich könnte Michelle Obama auch einen Müllsack lässig tragen. Aber im Juli, beim Beyoncé-Konzert in Paris, da waren es Hot Pants. Weiße Hot Pants. Michelle Obama tanzte, und die Welt jubelte: über ihre Beine, die – wie jetzt erwiesen wäre – genauso gut sind wie ihre Oberarme. Und über ihre Lässigkeit. Hot Pants. Als Mutter, als First Lady a.D., als Frau… über 20!

Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte die Mittelschule im niederbayerischen Osterhofen ein Foto, auf dem der Schuldirektor zusammen mit drei Mädchen in die Kamera grinst. Die Mädchen tragen lange weiße T-Shirts. Die sollten an der Schule in diesem Sommer übergezogen werden, wenn die Kleidung als zu knapp erachtet wird – von den Lehrkräften, die zur T-Shirt-Maßnahme greifen können. Immer wieder waren angeblich Hot Pants ein Problem.

Hot Pants haben es 2018 endlich geschafft, die Burka-Debatte in den Mainstream zu bugsieren. Die einen feiern die Beinfreiheit als liberalen Meilenstein, die anderen sehen Verhüllung als Chance. Und wie immer gilt auch bei dieser unsäglichen Diskussion: Es ist eigentlich noch viel komplizierter. Denn: Sommermode folgt ihren ganz eigenen Gesetzen.

Paragraph 1: Gelebte Anarchie

Bestes Beispiel: Der Versuch der Europäischen Union, Bauarbeitern das oben-ohne-Dasein zu verbieten.

Wegen der Krebsgefahr. 2005 war das – der Aufschrei war riesig. Wenns heiß ist, muss die Klamotte einfach kürzertreten. Obwohl auf Herren-Sandalen im Business-Umfeld die Höchststrafe steht – im Angesicht des Schweißfußes gehen die meisten das Risiko ein. Mit durchaus unschönen Konsequenzen: So viele Hammerzehen, so viel Hornhaut, so viele eingewachsene Nägel wie zwischen Juli und August begegnen einem sonst das ganze Jahr nicht.

Eine Runde Mitleid für Unternehmensberater und Top-Banker, die auf ein kleines bisschen Freiheit auch im Sommer verzichten müssen.

Paragraph 2: Sommersaison ist Komplexsaison

Es gibt Hot Pants-Menschen. Und es gibt die, die im August immer noch von der Bikinifigur reden, die sie dieses Jahr noch nicht erreicht haben. Sommermode verzeiht leider wenig, außer sie ist ein Maxikleid. Das ist blöd, denn das macht manche Menschen traurig und manche neidisch, und während man schwitzt ist beides nicht gut für den Flow. Die grenzenlose Arschbacken-Freiheit, die Hot Pants Modell „Sommer 2018“ ihren Trägerinnen und Trägern bieten, verstärkt diese Gefühle. Leider. Und schickt so manchen weiter zu…

Paragraph 3: Sexismus und Moral

Ja, es gibt diese Menschen die sich von zuviel Ausschnitt und zuviel Schritt ermuntert fühlen, zu glotzen und zu kommentieren. Manche erwischen sich sogar selbst dabei, verwechseln aber Ursache und Wirkung: Sie empören sich nicht über ihre eigenen, schlüpfrigen Gedanken sondern über die TrägerInnen von Sommermode. So kommt es, dass Eltern auch in diesem Sommer sorgenvoll ihren Töchtern nachsehen, wenn sie im Streit um die Hosenlänge mal wieder unterlegen sind. Und dass sommerlich gekleideten Frauen ihr Outfit vorgeworfen wird. Sexuelle Belästigung, reverse.

Michelle Obama trug übrigens 2009 schon mal kurze Hosen. Damals war sie wandern im Grand Canyon. Wo es ja sehr heiß sein soll. Ging für viele gar nicht.

Und jetzt? Warten wir ab, ob der lang erwartete Regen auch Komplexe, Moral und Sexismus ein bisschen abkühlt. Und heften auch diesen heißen Sommer als das ab, was er war: Eine kurze, exzessive Phase, die wir pragmatisch leicht bekleidet gefeiert haben wie einen langen Rave unter einem Fön, den Motzern, Glotzern und eigenen Komplexen zum Trotz. Winter, mit seinen langen burkaartigen Wollmänteln, is coming.

 

 

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