Blackfishing – Wenn sich Influencerinnen für die Reichweite schwarz schminken

Mehrere hellhäutige Instagrammerinnen geben sich durch dunkle Schminke als schwarze Frauen aus. Das hat eine leidenschaftliche Debatte entflammt: Ist es in Ordnung, wenn sich weiße Frauen als Schwarze ausgeben? Von Malcolm Ohanwe

Über dieses Thema wird im Netz gerade hitzig diskutiert: Ein Twitter-Post listet weiße europäische Instagrammerinnen auf, die sich durch dunkle Schminke und afrikanische Flechtfrisuren als angeblich schwarze Frauen ausgeben. Die Bezeichnung für den „Trend“: Blackfishing. Nach der MTV-Serie Catfish, in der Leute sich im Internet als jemand anderes ausgeben. Der Post hat über 45.000 Retweets erhalten und eine leidenschaftliche Debatte entfacht.

Viele der aufgelisteten Influencerinnen kommen aus Schweden, Italien oder UK. Die meisten haben viele schwarze Followerinnen, die deren Schönheit und Mode feiern und ihnen folgen, um andere Black Beautys zu supporten. Das ist eine Form von Empowerment und Inspiration. Eine dieser vermeintlichen Black Beautys, Emma Hallberg, ist aber aufgeflogen, als sie ein Schmink-Tutorial online gestellt hat: In dem Video schminkt sie ihren natürlichen Hautton fünf Töne dunkler.

 

Die Vorwurf lautet: Die Frauen schminken sich schwarz um Reichweite zu bekommen und den Beauty-Markt einzunehmen. In der weißen Beauty-Welt seien sie nur Durchschnitt, aber im schwarzen Beauty-Markt gelten sie als exotisch. Dunkel geschminkt, sähen die Mädchen wie halbschwarze Frauen aus, welche besonders im afroamerikanischen Kosmetik-Business gefragt sind.

Für viele dunklere schwarze Youtuberinnen, wie die Bloggerin Chrissie, hat dieses Phänomens eine ganz klare Ursache: Es fehlt eine klare Definition: In der westlichen Welt gilt nach der „1-Tropfen-Regel“ jeder als schwarz, der zumindest einen schwarzen Großelternteil hat. Das verwässere das Selbstverständnis von schwarzer Schönheit und verschiebt ihren Standard von vornehmlich sehr dunkler Haut und sehr krausem Haar zu hellerer Haut und feinerem Haar. Dass auch Leute mit nur relativ kleinen Anteilen afrikanischer Wurzeln als Schwarze klassifiziert werden, mache es erst möglich, dass auch weiße Frauen mit gewellten Haaren und vergleichsweise leichter Sonnenbräune schon als Schwarze missverstanden werden können. Unmissverständlich schwarze Youtuberinnen wie Chrissie sehen das als Wake-Up-Call, schwarze Schönheit jenseits von halbschwarzen Stars wie Alicia Keys oder Halle Berry zu definieren, und sich eher an Darkskin-Promis wie Lupita N’yongo zu orientieren, dann passiere so etwas wie jetzt mit den europäischen Instagrammerinnen nicht so leicht.

Eine andere afroamerikanische Youtuberin, MaadeMoiselle, wirft den weißen Influencerinnen vor, dass die das Schwarzsein als Arbeitsuniform benutzen, die sie an- und ablegen können. So bekommen die fake-schwarzen Mädchen Beauty-Produkte wie Hautcremes oder Afroperücken von afroamerikanischen Herstellern zugeschickt und nehmen schwarzen Instagrammerinnen Jobs weg.

Die europäischen Instagrammerinnen geben sich unschuldig

https://twitter.com/riverscurse/status/1060840405057581056

Die meisten europäischen Influencerinnen verstehen die Aufregung nicht. Sie haben ein ganz anderes Verständnis von race relations als Amerikaner. Die Schwedin Emma Hallberg erklärte kurzerhand, der Look käme von ihrer Sonnenbräune, andere behaupten es sei einfach die Pubertät, die sie dunkler mache. Nur wenige – wie das deutsche Social-Media-Starlet Martina Big – sagen ganz offen, dass sie sich bewusst verändern und sich beispielsweise Bräunungs-Spritzen geben.

Martina Big macht das nicht mit der Absicht Schwarze zu parodieren, sondern weil sie sich so schöner fühlt, sie will niemandem etwas böses. Wahrgenommen wird sie von vielen Schwarzen aber letztlich als Karikatur.

Schwarze Frauen haben historisch nicht aus Lust und Laune ihre Haare geglättet

Weiße Instagrammerinnen argumentieren auch oft, dass schwarze Frauen ja auch geglättete Haare tragen würden, und sich da auch keiner aufregt – und es somit einen ebenbürtigen Austausch gebe. Das sagte zum Beispiel die deutsche Influencerin Shirin David, als sie für ihre Rastazöpfe (sie hat sich nicht dunkel geschminkt) angegriffen wird.

Dem ist zu entgegnen: Schwarze Frauen haben historisch nicht aus Lust und Laune ihre Haare geglättet oder Perücken aufgesetzt: Sie wurden gesellschaftlich unter Druck gesetzt, weil ihr natürliches afrikanisch-texturiertes krauses Haar verachtet wurde. Dunkelhäutige Frauen haben ihre Haare glatt getragen, um gesellschaftlich zu überleben, weiße tragen ihre Haare nach afrikanischem Vorbild um trendy zu sein.

Kulturelle Aneignung wird schon seit einigen Jahren kontrovers diskutiert.

Kulturelle Aneignung – vor allem das Aneignen von ästhetischen Merkmalen, die man schwarzen Frauen zuschreibt, also dicke Hüften, volle Lippen, braune Haut und lockiges dunkles Haar – wird schon seit Jahren sehr heftig diskutiert. Den Kardashians zum Beispiel – einer sehr erfolgreichen weißen Glamour-Familie aus den USA – wird unterstellt, sie hätten ihr ganzes Imperium darauf aufgebaut. Fast alle Kardashian-Frauen haben einen schwarzen Ehepartner oder Liebhaber und sich kosmetisch entsprechend verändert. Und auch in Mode-Magazinen wie Elle oder Vogue wird ständig neu verhandelt, ob weiße Frauen sich schwarzer Frisur-, Körper- oder Schönheitsmerkmale aneignen dürfen, weil es fast immer darauf hinausläuft, dass sie schwarzen Frauen Business-Möglichkeiten wegnehmen und es dazu beiträgt dass schwarze, vor allem dunklere schwarze Frauen, medial obsolet und unsichtbar werden…

 

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  1. Danke für diesen lesenswerten Artikel! Was ich jedoch schwierig finde, ist der Begriff der „kulturellen Aneignung „. Ich meine wo sind die Grenzen? Ab wann „gehört“ einer ethnischen Gruppe ein Kulturgut? Wie grenzt man dies ab? Ab wann gilt eine Aneignung als ok? Ist eine strenge ethnische Einordnung und Beibehaltung kultureller Güter nicht fast schon identitär im Sinne des „Ethnopluralismus“? Und zeichnen sich Kunst und Kultur nicht gerade nur Grenzenlosigkeit, Fusionen und dauerhaften Wandel aus?

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