Witz und Wahnsinn der #10yearchallenge

Innerhalb kürzester Zeit ist die #10yearchallenge von einem harmlosen Spaß zum gefährlichsten Mem der Welt mutiert. Die Angst: Facebook könnte über dieses Mem an Gesichtsdaten kommen. So schlimm ist es nicht, glaubt Christian Schiffer. Mehr Hysterie sollten wir aber trotzdem wagen – aber aus anderen Gründen.

2009: Mark Zuckerberg erklärt in einem Interview mit der BBC, dass Facebook nie, wirklich niemals nie und auf wirklich gar keinen Fall, also das ist wirklich völlig ausgeschlossen, Nutzerdaten aus der Hand geben werde. Man werde das Vertrauen der Nutzer niemals missbrauchen, sagte der Facebook-Chef damals. Nunja, die #10yearchallenge ist für Facebook diesbezüglich nicht besonders gut verlaufen. Facebook 2009: Wir sind Fort Knox für Eure Daten! Facebook 2019: Eure Daten? Mhmtja… also die Daten sind irgendwie an windige Firmen raus gegangen, um damit einen Reality TV-Star ins Weiße Haus zu hieven. #keineahnung

Das Image von Facebook hat sich in den letzten zehn Jahren eingependelt auf einem Niveau irgendwo zwischen marodem Atomkraftwerks-Betreiber, Frank Ribery und einem Tellerminen-Hersteller und nur so ist es zu erklären, dass die #10yearchallenge für viele innerhalb kürzester Zeit von einem harmlosen Spaß zum gefährlichsten Mem der Welt mutiert ist. Am Anfang posteten nur Promis Bilder, die sie vor zehn Jahren zeigten und heute im Jahr 2019, irgendwann erreichte der Hype auch Otto-Normal-Nutzer, irgendwann kamen die Warner und irgendwann dann kamen die Ironiker, die jeden zum Deppen erklärten, der bei dem Mem mitmachte:

In der aufkommenden Panik rund um die #10yearchallenge vermischt sich das Misstrauen gegenüber Facebook mit dem Misstrauen gegenüber künstlicher Intelligenz. Facebook traut man sowieso alles zu und künstliche Intelligenz ist eine Technologie von der es eh immer heißt, sie könne sogar die Menschheit auslöschen.

Die Wahrheit allerdings ist: Facebook braucht kein Mem, um Gesichtsdaten von uns auszuwerten, Facebook ist sowieso randvoll mit – nunja – Faces. Und was die künstliche Intelligenz angeht: Das Mem hat mittlerweile unzählige Parodien hervorgebracht, was auch die schlaueste KI überfordern dürfte.

Die Aufregung um die #10yearchallenge zeigt vor allem, wie kaputt die Aufmerksamkeits-Ökonomie bei Datenschutzthemen ist. Da saugen Unternehmen über Jahre unsere intimsten Daten ab, aber ein Foto-Mem soll dann plötzlich das große Problem sein? Da verkaufen Kommunen unsere Daten aus dem Melderegister und alle so: Hey da drüben, dieses neue Mem, das ist voll die Datenschutz-Apokalypse!

Die Hysterie um die #10yearchallenge erinnert an die „Facebook hört uns alle ab“-Hysterie, auch hier wird völlig unterschätzte welche Daten ein Konzern wie Facebook von uns sowieso schon hat – und zwar ohne, dass man uns dabei extra noch abhören müsste. Hysterie ist ja durchaus angebracht, aber eben nicht aus Angst vor Foto-Memen und KI-Voodoo, sondern aus Angst vor der Vorstellung, wie viele Daten Unternehmen wie Facebook, aber auch staatliche Institutionen in den kommenden zehn Jahren noch von uns sammeln werden.

 

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