Die verhasste Julia Engelmann braucht einen Pflichtverteidiger. Wir haben ihn!

Spiegel Online, Vice und Amy & Pink: Sie alle haben in den letzten Tagen auf Julia Engelmann draufgehauen. Oh Baby, das geht zu weit! findet Christian Schiffer.

Liebe Julia Engelmann, da sitze ich nun und soll für Dich eine glänzende und poetisch funkelnde Verteidigungsschrift schreiben.  Warum ich!? „Weil Du so ziemlich der der einzige Mensch auf der Welt bist, der immer noch nicht das fucking Video gesehen hat!“. Mein Unwissen sei eine Gnade und würde mir den Job unbefangener machen, meint meine Redaktion. Es geht natürlich um dieses eine Video da, das Dich schlagartige berühmt gemacht hat, dieser virale Poetry-Hit. Irgendwas in Deiner Turnhalle. Irgendwas mit Hey, Baby….Na, wird schon nicht so schlimm sein…

Woooooohooowww…Oookaaay… Mittlerweile sitze ich hier vor meinem Rechner, sehe das Video, höre Dein Album, habe Deinen Wikipedia-Artikel offen und Deinen 130 000er Instagram-Account, scrolle durch handgeschriebene Kalendersprüche, eine halbe Million Freunde auf Facebook, eine halbe Million! und staune über dieses Bild aus 31000 Bügelperlen, das Dir Lea gemacht hat, ein treuer Fan. Finde ich alles scheiße, ehrlich gesagt, bis auf das Bügelperlenbild. Aber darum geht es ja nicht, ich bin ja Dein Pflichtverteidiger, ich haue Dich da raus. It’s a dirty job but someone’s gotta do it. Widmen wir uns also den Anschuldigungen. Da wären zunächst mal die Klick-Krawall-Brüder von der Vice:

„Die Banalität des Blöden (*Hannah-Arendt-Voice*) hat in Julia Engelmann den perfekten Wirt gefunden.“

Der Autor findet Deine Musik scheiße und Deine Texte eh, es nervt ihn, dass er Leute aus seiner Timeline werfen muss, weil die Dein Zeug teilen und zwar nervt ihn das gleich so sehr, dass er gleich mal die Adolf-Eichmann-Anspielungen auspackt. Und weil wir hier immer noch bei der Vice sind, erwähnt er am Ende noch, dass er sich jetzt eine Zigarette anzündet und einen Wodka eingießt, so sehr nimmt ihn das alles mit. Mei. Vielleicht solltest Du ihn mal zur Seite nehmen, nachdenklich wie du ist, versöhnlich wie du bist, und ihm sagen, dass alles wieder in Ordnung kommt und er sich daran erinnern soll, Baby, was für uns hier bei der Vice wirklich im Leben zählt, Baby: zuhören, verstehen, Gedichte und Kokain.

Die Kollegen von Spiegel Online gehen gleich noch weiter:

„Engelmann-Poesie ist, wie die Wanddeko-Sprüche im Baumarkt, eine Poesie der totalen Affirmation. Alles ist in Ordnung mit dir. Immer.“

Oh ja, die sehr erwachsenen Rollkragen-Feuilletonisten von Spiegel Online kritisieren die Untiefe deiner Gefahren-freien Guten-Laune-Befindlichkeitsattitüde. Deine Poesie des kleinsten gemeinsamen Nenners. Da haben sie ja recht, aber das könnt man genauso gut über Paulo Coelho sagen oder über den Gutesten von allen, über den Dalai Blabla. Bei denen ist es ja so: Die haben viele Fans, erzählen noch mehr Bullshit, dem größten Teil der Welt sind sie aber bums, manch einer belächelt sie, das war’s dann aber auch schon im Großen und Ganzen. Bei Dir ist das aber anders: Du ziehst Häme auf Dich und sogar Hass. Das ist böse. Das ist gemein. Und da merke ich: Aus meiner bisher zugegebenermaßen etwas lamen und unmotiviert heruntergespulten Pflichtverteidigung könnte vielleicht doch noch so etwas werden wie ein leidenschaftliches John-Grisham-Gedächtnis-Plädoyer. Denn Deinen Gegnern ist kein Quatsch zu blöd, um ihren Hochnasen-Furor argumentativ zu bemänteln:

„Julia Engelmann trifft mit ihren Werken ja gerade die Zielgruppe, der wir versuchen beizubringen, Depressionen nicht zu verharmlosen und sich frühzeitig Hilfe zu holen, wenn sie merkt, dass es mit der Stimmung so langsam bergab geht und das Lachen immer schwerer fällt. Mit Texten wie in „Grapefruit“ springt sie all den wichtigen Debatten mit dem nackten Arsch ins Gesicht.“

Sucht euch schwerere Beute!

Der Vorwurf von Amy & Pink wiegt schon schwerer: Dein Song „Grapefruit“ soll Depressionen verharmlosen. Vor allem, weil Du in dem Song nahelegst, doch einfach eine Grapefruit zu Essen, wenn einen die Schwermut packt. Grapefruit und dazu tatsächlich Coldplay! Dass man mit Grapefruit und Coldplay was gegen Depressionen ausrichten kann, ist natürlich Bullshit. Aber Schwamm drüber, der Vorwurf ist einfach zu dämlich. Kein Kranker wird sich den Kopfhörer runterreißen und sich eine Tonne Grapefruits zulegen. Und außerdem, ein paar Zeilen weiter singst du ja dann:

„Mit ‘nem Beinbruch gehst du auch zum Orthopäden, deshalb kannst du ja vielleicht mal mit ‘nem Psychologen reden?! Deshalb bist du nicht verrückt – also auch nicht mehr als ich, nimm deine Summertimesadness ab und zeig mir dein Gesicht!“

Wenn nur ein Depressiver wegen Dir endlich den Arzt aufsucht, hast Du den Freispruch schon verdient. Und Julia, ganz ehrlich, ohne Witz und vielleicht mach ich mich jetzt hier für alle Zeiten zum Kantinen-Gespött: Aber baby, ist das eine starke Songzeile! Nimm deine Summertime-Sadness ab und zeig mir dein Gesicht! Groß! Und jetzt, ihr Suchmaschinen-optimierten, von Eurer Marketing-Abteilung getrimmten Click-Bait-Journalisten: Seid so gut, sucht Euch wieder eine etwas schwerere Beute! Peter Sloterdijk oder von mir aus Matthias Matussek. Das war’s dann, Euer Ehren, Case Closed.

 

Andrea Nahles darf auch mal Fresse sagen – denn es gefährdet rein gar nix

Mittlerweile bedauert Andrea Nahles ihren „In die Fresse“-Spruch. Doch Christian Schiffer findet: Die Demokratie braucht Humor – auch wenn er mal derb daherkommt.

Natürlich hätte Andrea Nahles das auch anders sagen können. Sie hätte zum Beispiel irgendeine Standardformulierung aus dem  Handbuch für frischgebackene Oppositionsführer heraussuchen können. „Ab morgen werden wir die Koalitionsharmonie hinter uns lassen und im Bundestag die harte Sachauseinandersetzung suchen“. Zum Beispiel. Oder auch: „Ab morgen werden wir unsere programmatischen Unterschiede vermehrt im Zuge der uns als Opposition im Rahmen der parlamentarischen Geschäftsordnung zur Verfügung stehenden Möglichkeiten herauszuarbeiten versuchen.“ Aber Andreas Nahles sagte einfach nur „Ab morgen kriegen sie in die Fresse!“ und dann lachte Andrea Nahles dabei, um auch wirklich jedem klar zu  machen: Hey, das hier … das ist jetzt … das ist Ironie! Zwinker! Zwinker!! Dass das Ganze als Witz gemeint war, machte die SPD-Frau auch am nächsten Tag nochmal deutlich:

Andrea Nahles hatte den Satz also schon kurz vorher gesagt, in der letzten Kabinettsitzung nämlich, da fanden das die Unions-Kollegen alle lustig, keiner hatte Angst von der Nahles Andrea am nächsten Morgen mit einem rechten Haken und einem sauber ausgeführten Back-Suplex aus dem Bett geklingelt zu werden. Aber das mit der Ironie, das ist eben so eine Sache. Im Radio funktioniert sie nicht, wird Hörfunk-Noobs immer eingebläut und auch vor Journalisten kann so ein nicht ernstgemeintes Sätzchen schon mal nach hinten los gehen. #Fressegate war schnell geboren, die Süddeutsche befand, Andrea Nahles spiele mit der demokratischen Kultur und manch einer wollte keinen Unterscheid mehr erkennen zwischen der Frotzelei der SPD-Frau und Alexander Gaulands aufpeitschendem Jagdaufruf am Wahlabend.

Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Gag und Geifer, der Kontext ist entscheidend, nicht die Tatsache, dass Frau Nahles ein etwas böseres Wort gesagt hat. Ein paar Kraftausdrücke kann die demokratische Kultur schließlich schon ab, Joschka Fischer nannte den Bundestagspräsidenten Arschloch, einer der Vorgänger im Amt des SPD-Fraktionsvorsitzenden, Herbert Wehner, bezeichnete den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe als „Herr Übelkrähe“ und Jürgen Todenhöfer als „Hodentöter“. Und Franz-Joseph Strauß? Nunja…

Heute gibt es oft eine regelrechte Sehnsucht nach solchen Polit-Charakterköpfen, die auch mal einen rauslassen. Auf der anderen Seite soll sich die demokratische Kultur aber bitteschön weiterhin anfühlen nach Bussibär-Land. Beides geht aber nicht und am Ende schadet auch eines ganz bestimmt der politischen Kultur, nämlich: Langweile.

 

#failoftheweek: Warum Trump & Co. unbedingt „souverän“ sein wollen

Für den US-Präsidenten Donald Trump gibt es immer noch Premieren. Diese Woche hat er zum ersten Mal vor den Vereinten Nationen in New York gesprochen – und Nordkorea mit völliger Zerstörung gedroht, sollte Kim Jong-un sein Atomprogramm nicht einstellen. Soweit so plakativ. Unserem Autor Christian Schiffer ist in dieser Rede aber noch etwas anderes aufgefallen.

NEW YORK, USA - SEPTEMBER 21: US President Donald Trump is seen during his meeting with Turkish President Recep Tayyip Erdogan (not seen), at Lotte Hotel in New York, United States on September 21, 2017. World leaders gathered in New York for the 72nd Session of the UN General Assembly. Volkan Furuncu / Anadolu Agency |

„Rocketman“, Raketenmann, so nannte der amtierende US-Präsident den nordkoreanischen Machtinhaber Kim Jong-un in seiner Rede vor der UN. Da war er also wieder, Bizarro-Trump, bei dem Weltpolitik eben manchmal klingt wie ein Elton John-Song. Ansonsten ging es in seiner Rede noch um Venezuela, Iran und America First und immer wieder fiel dabei ein ganz bestimmter Begriff.

Hätte man bei Trumps Rede jedes Mal einen Schnaps getrunken, sobald die Worte „souverän“ oder „Souveränität“ zu hören waren, wäre man nach wenigen Minuten bewusstlos unter dem Tisch gelegen. Ganze 21 mal sprach Trump sie aus, immer wieder ging es um die Souveränität der Nationalstaaten. Zum Vergleich: Das Wort „Frieden“ fiel in der Rede nur 15-mal, „Freiheit“ nur neun Mal, „Demokratie“ mickrige vier Mal. Sogar politische Gassenhauer wie „Terror“ beziehungsweise „Terroristen“ kamen in der Rede weit seltener vor als „Souveränität“ – ein Wort übrigens, das Barack Obama 2009 in seiner Rede vor der UN gerade einmal ein einziges Mal in den Mund nahm.

Souveränität – in Abgrenzung wovon?

„Souveränität“ ist neben „Widerstand“ vermutlich gerade das wichtigste Buzzwort von Rechten und Verschwörungstheoretikern – und zwar nicht nur in den USA: Hierzulande behaupten beispielsweise Xavier Naidoo und die sogenannten Reichsbürger, dass Deutschland kein souveränes Land sei. Ahnliches steht in einer Email aus dem Jahr 2013, die der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel zugeschrieben wird.

Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der Partei Alternative für Deutschland (AfD) für die Bundestagswahl, äußert sich am 18.09.2017 bei einer Pressekonferenz in Berlin zu den Themen Zuwanderung und Kriminalität. Foto: Kay Nietfeld/dpa | Verwendung weltweit

Alice Weidel. Ja, wir wundern uns auch.

Und dann gibt es natürlich auch noch „Compact“, das selbsternannte Magazin für Souveränität, das im November eine „Konferenz für Souveränität“ veranstaltet. Es ist bereits das sechste Treffen dieser Art. Wer die Souveränität Deutschlands einschränkt, ist hierzulande dann auch immer schnell klar: Die USA, die Siegermächte, die Alliierten oder andere finstere Mächte, die Deutschland einfach nicht frei sein lassen wollen. Was für eine krude Vorstellung. Vor allem in einer Zeit, in der Deutschland wohl so viel Einfluss auf Europa und die Welt hat, wie wohl selten zuvor.

Was bedeutet Souveränität eigentlich – und wenn ja, wie viele?

Doch um krude Vorstellungen zu begründen, dazu eignet sich ein Wörtchen wie „Souveränität“ ganz hervorragend. Denn Souveränität, das hört sich so schön nach einem Pro-Seminar der Politikwissenschaft an, nach Hobbes, Bodin und nach Rousseau. Dabei heißt Souveränität im Kern lediglich, dass ein Staat über sich selbst bestimmen kann.

Natürlich, in der Praxis wird das Souveränitätsprinzip auf vielfache Art unterlaufen. Es gibt internationale Institutionen, internationale Gerichtshöfe, bilaterale Abkommen, grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Das kann man als Fortschritt sehen, Trump und die ganzen Souveränitätsfetischisten sehen darin aber eine Gefahr. Dabei ist doch das Kreisen um sich selbst, das Zurückziehen auf die eigene Scholle und nationale Kraftmeierei am Ende doch vor allem eines: Ziemlich unsouverän.

 

#failoftheweek: In nur drei Schritten zum perfekten Talkshow-Eklat

Eigentlich wollte ZDF-Moderatorin Marietta Slomka mit ihren Gäste über die wichtigsten Themen des Wahlkampfs diskutieren, doch dann kam es zum Eklat: Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel verließ nach einer Attacke von Andreas Scheuer noch während der Sendung das Studio. Leider gibt es Indizien, dass dieser Eklat kalkuliert war. Das geht besser, findet Christian Schiffer und hat sich auf die Suche gemacht nach historischen best-practice-Beispielen. 

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SCHRITT 1: Wann mach ich’s?

Als 1985 Willy Brandt Heiner Geisler in einer Talkshow mit Joseph Goebbels verglich, blieb Kohl sitzen. Als Gerhard Schröder in der Elefantenrunde nach der Wahl 2005 totalen Stuss verzapfte („Wir müssen die Kirch doch mal im Dorf lassen…“), blieben alle sitzen. Und auch die Journalistin Gabriele Krone-Schmalz blieb am Ende doch noch sitzen, als sie sich bei Maischberger mit den anderen Diskutanten über Russland stritt („Machen Sie ihre Sendung alleine!“).

Was lernen wir daraus? Sitzen bleiben hat Würde.

Und wenn nicht, brauchst du schon einen wirklich guten Grund, um eine Talkshow zu verlassen. Als Wolfgang Bosbach vor einigen Wochen nach einem Streit mit Jutta Ditfurth mitten in der Maischberger-Sendung einfach ging, da wusste jeder: Der Mann ist ehrlich erschüttert, schließlich sind Talkshows sein natürlicher Lebensraum. Die Schlangenhalsschildkröte verlässt nicht wegen irgendeiner Petitesse ihre Brutplätze in Papua-Neuguinea, Wolfgang Bosbach verlässt nicht wegen einer Petitesse eine Talkshow und du solltest das auch nicht tun.

 

SCHRITT 2: Wie mach ich’s?

Du kannst deinen Talkshow-Eklat natürlich mit extra-coolen Understatement würzen. Wie der ehemalige Know-How-Moderator Joachim Bublath, nach dem Motto: „Ne, sorry ich will mich mit Nina Hagen nicht über die Entführungen durch Außerirdische, Engel und Satan austauschen, deswegen gehe ich jetzt und wünsche allen Beteiligten noch viel Vergnügen.“ Aber ganz ehrlich: besonders effektvoll ist das nicht. Wer zum Beispiel erinnert sich noch an den kreuzbraven Abgang von Campino 1997 aus der Talkrunde „3 nach 9“? Eben.

Niemals Vergessen: Wir sind hier immer noch beim Fernsehen! Und das braucht Action. Was man gut machen kann: Schütte Deinem Kontrahenten Wasser über das Sakko. Oder noch besser: Pack den Hammer aus.

Screenshot YouTube

Oder am allerbesten: Schnippe Deinen Slip in Richtung einer zukünftigen Bundeskanzlerin.

SCHRITT 3: Die Nachbereitung

Raus aus dem Studio – dann muss geerntet werden! Dein Abgang muss sich tief eingraben in das deutsche Fernsehgedächtnis, die sozialen Netzwerke müssen glühen, die Bild-Schlagzeile hast du am besten schon vorformuliert. Was hilft: Authentizität. Die Leute wollen es spüren, dass du es ernst gemeint hast. Mach dich rar, sei öffentlich beleidigt, tauch ein paar Wochen ab, häng dich vor die Playse oder lies ein gutes Buch, aber vor allem: renn nicht gleich wieder in die nächstbeste Talkshow! Gib Mangel – lass das Publikum spüren, was es an dir hatte! Wenn sich herausstellt, dass du dem Publikum egal bist, dann bleibt dir immer noch ein Ausweg, nämlich: Spiel das Opfer! So wie Eva Hermann, die es schaffte,  bei Kerner aus einer Sendung geworfen zu werden.

Und gib den Medien die Schuld! Dem Moderator! Dem System! Damit liegst du immer richtig: denn wer dich einlädt, der ist selber schuld.