#failoftheweek: Warum Meme aus Nordkorea witzig und brutal zugleich sind

Wenn es eine Goldmedaille für Synchron-Jubeln gäbe, dann hätten die nordkoreanischen Cheerleader diese Woche richtig abgeräumt. Doch es ist nicht das erste Mal, dass sich das Netz über Nordkorea amüsiert. Christian Schiffer über eine Hass-Liebe.

Letzten Samstag im Kwandong-Hockey-Center bei den olympischen Winterspielen in Pyeongchang: Ein gemeinsames Frauen-Eishockeyteam aus Nord- und Südkorea trifft im Auftaktspiel auf die Schweiz und erlebt ein ziemliches Debakel, am Ende steht es 8:0 für die Schweiz. Im Gedächtnis bleibt aber vor allem das, was auf der Tribüne passiert, denn dort feuern 229 Cheerleader aus Nordkorea unbeirrt ihr Team an. Wobei „anfeuern“ hier die größtmögliche Untertreibung darstellt.

„Stellen Sie sich eine Mischung aus Stewardessen der 60er Jahre, den Cheerleadern der Dallas Cowboys und der Roten Armee vor.“

So beschreibt die New York Times recht treffend die nordkoreanischen Stimmungskanonen. Die bizarren Ausgelassenheits-Apparatschiks klatschten und winkten, sie wogten hin und her, sangen und das alles taten sie auch noch alle gleichzeitig – ein einziger durch-homogenisierter Kommunisten-Klumpen aus lächelnden Gesichter in dicken, roten Thermoanzügen.

Nordkorea liefert einen nie versiegenden Nachschub an grotesken WTF-Momenten

Natürlich machte der Juche-Jubel schnell die Runde und natürlich war es nicht das erste Mal, dass sich das Internet über Nordkorea beömmelte. Laut Wikipedia sind die Hauptexportgüter des Landes zwar Mineralien, Metallprodukte, sowie Landwirtschafts- und Fischereierzeugnisse. In Wirklichkeit allerdings versorgt das kommunistische Land die Welt in erster Linie mit einem steten, offenbar nie versiegenden Nachschub an grotesken What-The-Fuck-Momenten. Vor ein paar Jahren etwa wurden schon die nordkoreanischen Gitarren-Kleinkinder zum YouTube-Hit:

Fünf Kindergarten-Stöpsel, die die Gitarrensaiten gefühlt acht mal so schnell und präzise zupfen wie Eric Clapton und dabei – natürlich – glücklich ins Publikum lächeln und das – natürlich – alle gleichzeitig tun: Auf YouTube gab es dafür 57 Millionen Klicks. Genau wie bei den Cheerleadern sieht hier etwas Schwieriges so verstörend leicht aus, dass man gar nicht wissen möchte, wie verstörend schwierig es war, es so leicht aussehen zu lassen. Das ist dann auch das Problem an den Internetphänomenen aus Nordkorea: Man weiß nicht genau, ob man lachen oder weinen soll. Das gilt insbesondere auch für Ri-Chun-Hee, die Nachrichtensprecherin beim nordkoreanischen Zentralfernsehen. Sie ist ein Internet-Mem geworden, weil sie die Nachrichten mit einem gewissen Pathos vorträgt. Hier beispielsweise verkündet Ri-Chun-Hee angeblich die Nachricht, dass Nordkorea einen Satelliten ins All geschossen hat.

Nordkorea erinnert uns regelmäßig daran, dass Diktaturen nicht nur brutal sind, sondern in ihrer Hybris auch einen Hang zur Lächerlichkeit haben. Die nordkoreanischen Cheerleaderinnen bei den olympischen Winterspielen wirken vor allem auch deswegen so bizarr, weil sie mit ihrem antrainierten Kollektiv-Enthusiasmus auf völlig verlorenem Posten stehen. Staatlich einstudierter Jubel sorgt heute in der Regel nur noch für ein paar Lacher – und das soll bitteschön auch so bleiben.

 

#failoftheweek: Ausländer-Hetze der Bild-Zeitung

Bild hat sich diese Woche um die goldene Kartoffel am Bande beworben: Die Zeitung beklagte am Mittwoch, dass „Ausländer“ über den SPD-Mitgliederentscheid zur GroKo über die deutsche Regierung abstimmen dürften. Christian Schiffer holt tief Luft und erklärt nochmal kurz die Sache mit der Demokratie.

November 2013: Sigmar Gabriel streitet sich mit Marietta Slomka vom Heute Journal über die Frage, ob es okay ist, dass die SPD-Mitglieder in einer Ur-Abstimmung über den Koalitionsvertrag abstimmen und damit über das Schicksal der Nation entscheiden. Es ist ein unterhaltsames Interview, mit einer hartnäckigen Marietta Slomka und einem zunehmend genervten Sigmar Gabriel, der zeitweise überaus gequält aus seinem Anzug schaut.

Und ein wenig kann man ihn schon verstehen, den damaligen Vorsitzenden und früheren Pop-Beauftragten der SPD, denn es ist doch so: Wählerinnen und Wähler wählen nun mal Parteien und keine Koalitionen. Parteien wählen Koalitionen und das dürfen sie so tun, wie sie es für richtig halten: In manchen Parteien entscheidet der Parteivorstand, in anderen Parteien der Parteitag, bei der SPD sind es eben die Mitglieder, that simpel. Und genau das versucht damals der ehemalige Lehrer Sigmar Gabriel der Moderatorin Marietta Slomka zu erklären.

Innerparteiliche Demokratie ist nichts Schlechtes

Eigentlich dachte man ja, die Frage wäre seit dem Gabriel-Slomka-Crash vor vier Jahren geklärt. Eigentlich dachte man ja, es würde kaum noch jemand bezweifeln, dass es schon klar geht, was die SPD da macht. Eigentlich dachte man, dass es doch wirklich jeder verstanden haben müsste, dass innerparteiliche Demokratie etwas Gutes ist und nichts Schlechtes. Doch dann wurde diese Woche exakt dieselbe Debatte erneut zur Aufführung gebracht, mit dem gravierenden Unterschied allerdings, dass jetzt noch ein besonders schlechtes Argument hinzugekommen ist.

Bild.de-Chef Julian Reichelt, bewarb sich diese Woche um die goldene Kartoffel am Bande und schrieb: „Wählen darf in Deutschland nur, wer deutscher Staatsbürger ist. Nur Deutsche können also entscheiden, wer Deutschland regiert. Sollte man meinen. Mit ihrem Mitgliederentscheid unterwandert die SPD dieses zwingend logische und eigentlich unumstößliche Prinzip. Denn über die für Deutschland so wichtige Frage, ob wir eine Regierung bekommen, dürfen in der SPD auch Mitglieder ohne deutschen Pass abstimmen.“

Ja, lieber Julian Reichelt von bild.de, ausländische SPD-Mitglieder – sie machen übrigens 1,5 Prozent aus – dürfen über den Koalitionsvertrag mit CDU und CSU abstimmen – und das ist auch gut so (Foto: dpa)

Von den 463.723 SPD-Mitgliedern sind gerade einmal ca. 7.000 ausländische Staatsbürger, das entspricht mageren 1,5 Prozent. Und diese 1,5 Prozent sollen unserer Demokratie schaden, weil sie mitbestimmen dürfen, was die Partei machen soll, in der sie Mitglied sind und Beiträge zahlen? Vermutlich ist es umgekehrt und sehr viel schädlicher für unsere Demokratie, dass sich nur so wenige Nicht-Deutsche in einer immer noch halbwegs wichtigen deutschen Partei engagieren.

Angst vor zu viel Demokratie

Es beschleicht einen das Gefühl, dass die Kritiker des SPD-Mitgliederentscheides gar kein Problem haben mit zu wenig Demokratie, sondern mit zu viel Demokratie. Dass sie es einfach nicht so prickelnd finden, dass da jetzt der Parteipöbel abstimmen darf, die Hannelore, Schriftführerin aus dem Ortsverein München-Moosach, der Herbert, Bundestagswahlkreis-Ersatzdelegierte aus Herne-Baukau und der Lukas, Neumitglied aus Gröbenzell. Dabei wäre es doch so einfach: „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit“ so steht es im Deutschen Grundgesetz. Und wer wiederum an der Willensbildung der Parteien mitwirken möchte, der kann das ganz einfach tun, indem er ein Beitragsformular ausfüllt.

 

Die verhasste Julia Engelmann braucht einen Pflichtverteidiger. Wir haben ihn!

Spiegel Online, Vice und Amy & Pink: Sie alle haben in den letzten Tagen auf Julia Engelmann draufgehauen. Oh Baby, das geht zu weit! findet Christian Schiffer.

Liebe Julia Engelmann, da sitze ich nun und soll für Dich eine glänzende und poetisch funkelnde Verteidigungsschrift schreiben.  Warum ich!? „Weil Du so ziemlich der der einzige Mensch auf der Welt bist, der immer noch nicht das fucking Video gesehen hat!“. Mein Unwissen sei eine Gnade und würde mir den Job unbefangener machen, meint meine Redaktion. Es geht natürlich um dieses eine Video da, das Dich schlagartige berühmt gemacht hat, dieser virale Poetry-Hit. Irgendwas in Deiner Turnhalle. Irgendwas mit Hey, Baby….Na, wird schon nicht so schlimm sein…

Woooooohooowww…Oookaaay… Mittlerweile sitze ich hier vor meinem Rechner, sehe das Video, höre Dein Album, habe Deinen Wikipedia-Artikel offen und Deinen 130 000er Instagram-Account, scrolle durch handgeschriebene Kalendersprüche, eine halbe Million Freunde auf Facebook, eine halbe Million! und staune über dieses Bild aus 31000 Bügelperlen, das Dir Lea gemacht hat, ein treuer Fan. Finde ich alles scheiße, ehrlich gesagt, bis auf das Bügelperlenbild. Aber darum geht es ja nicht, ich bin ja Dein Pflichtverteidiger, ich haue Dich da raus. It’s a dirty job but someone’s gotta do it. Widmen wir uns also den Anschuldigungen. Da wären zunächst mal die Klick-Krawall-Brüder von der Vice:

„Die Banalität des Blöden (*Hannah-Arendt-Voice*) hat in Julia Engelmann den perfekten Wirt gefunden.“

Der Autor findet Deine Musik scheiße und Deine Texte eh, es nervt ihn, dass er Leute aus seiner Timeline werfen muss, weil die Dein Zeug teilen und zwar nervt ihn das gleich so sehr, dass er gleich mal die Adolf-Eichmann-Anspielungen auspackt. Und weil wir hier immer noch bei der Vice sind, erwähnt er am Ende noch, dass er sich jetzt eine Zigarette anzündet und einen Wodka eingießt, so sehr nimmt ihn das alles mit. Mei. Vielleicht solltest Du ihn mal zur Seite nehmen, nachdenklich wie du ist, versöhnlich wie du bist, und ihm sagen, dass alles wieder in Ordnung kommt und er sich daran erinnern soll, Baby, was für uns hier bei der Vice wirklich im Leben zählt, Baby: zuhören, verstehen, Gedichte und Kokain.

Die Kollegen von Spiegel Online gehen gleich noch weiter:

„Engelmann-Poesie ist, wie die Wanddeko-Sprüche im Baumarkt, eine Poesie der totalen Affirmation. Alles ist in Ordnung mit dir. Immer.“

Oh ja, die sehr erwachsenen Rollkragen-Feuilletonisten von Spiegel Online kritisieren die Untiefe deiner Gefahren-freien Guten-Laune-Befindlichkeitsattitüde. Deine Poesie des kleinsten gemeinsamen Nenners. Da haben sie ja recht, aber das könnt man genauso gut über Paulo Coelho sagen oder über den Gutesten von allen, über den Dalai Blabla. Bei denen ist es ja so: Die haben viele Fans, erzählen noch mehr Bullshit, dem größten Teil der Welt sind sie aber bums, manch einer belächelt sie, das war’s dann aber auch schon im Großen und Ganzen. Bei Dir ist das aber anders: Du ziehst Häme auf Dich und sogar Hass. Das ist böse. Das ist gemein. Und da merke ich: Aus meiner bisher zugegebenermaßen etwas lamen und unmotiviert heruntergespulten Pflichtverteidigung könnte vielleicht doch noch so etwas werden wie ein leidenschaftliches John-Grisham-Gedächtnis-Plädoyer. Denn Deinen Gegnern ist kein Quatsch zu blöd, um ihren Hochnasen-Furor argumentativ zu bemänteln:

„Julia Engelmann trifft mit ihren Werken ja gerade die Zielgruppe, der wir versuchen beizubringen, Depressionen nicht zu verharmlosen und sich frühzeitig Hilfe zu holen, wenn sie merkt, dass es mit der Stimmung so langsam bergab geht und das Lachen immer schwerer fällt. Mit Texten wie in „Grapefruit“ springt sie all den wichtigen Debatten mit dem nackten Arsch ins Gesicht.“

Sucht euch schwerere Beute!

Der Vorwurf von Amy & Pink wiegt schon schwerer: Dein Song „Grapefruit“ soll Depressionen verharmlosen. Vor allem, weil Du in dem Song nahelegst, doch einfach eine Grapefruit zu Essen, wenn einen die Schwermut packt. Grapefruit und dazu tatsächlich Coldplay! Dass man mit Grapefruit und Coldplay was gegen Depressionen ausrichten kann, ist natürlich Bullshit. Aber Schwamm drüber, der Vorwurf ist einfach zu dämlich. Kein Kranker wird sich den Kopfhörer runterreißen und sich eine Tonne Grapefruits zulegen. Und außerdem, ein paar Zeilen weiter singst du ja dann:

„Mit ‘nem Beinbruch gehst du auch zum Orthopäden, deshalb kannst du ja vielleicht mal mit ‘nem Psychologen reden?! Deshalb bist du nicht verrückt – also auch nicht mehr als ich, nimm deine Summertimesadness ab und zeig mir dein Gesicht!“

Wenn nur ein Depressiver wegen Dir endlich den Arzt aufsucht, hast Du den Freispruch schon verdient. Und Julia, ganz ehrlich, ohne Witz und vielleicht mach ich mich jetzt hier für alle Zeiten zum Kantinen-Gespött: Aber baby, ist das eine starke Songzeile! Nimm deine Summertime-Sadness ab und zeig mir dein Gesicht! Groß! Und jetzt, ihr Suchmaschinen-optimierten, von Eurer Marketing-Abteilung getrimmten Click-Bait-Journalisten: Seid so gut, sucht Euch wieder eine etwas schwerere Beute! Peter Sloterdijk oder von mir aus Matthias Matussek. Das war’s dann, Euer Ehren, Case Closed.

 

Andrea Nahles darf auch mal Fresse sagen – denn es gefährdet rein gar nix

Mittlerweile bedauert Andrea Nahles ihren „In die Fresse“-Spruch. Doch Christian Schiffer findet: Die Demokratie braucht Humor – auch wenn er mal derb daherkommt.

Natürlich hätte Andrea Nahles das auch anders sagen können. Sie hätte zum Beispiel irgendeine Standardformulierung aus dem  Handbuch für frischgebackene Oppositionsführer heraussuchen können. „Ab morgen werden wir die Koalitionsharmonie hinter uns lassen und im Bundestag die harte Sachauseinandersetzung suchen“. Zum Beispiel. Oder auch: „Ab morgen werden wir unsere programmatischen Unterschiede vermehrt im Zuge der uns als Opposition im Rahmen der parlamentarischen Geschäftsordnung zur Verfügung stehenden Möglichkeiten herauszuarbeiten versuchen.“ Aber Andreas Nahles sagte einfach nur „Ab morgen kriegen sie in die Fresse!“ und dann lachte Andrea Nahles dabei, um auch wirklich jedem klar zu  machen: Hey, das hier … das ist jetzt … das ist Ironie! Zwinker! Zwinker!! Dass das Ganze als Witz gemeint war, machte die SPD-Frau auch am nächsten Tag nochmal deutlich:

Andrea Nahles hatte den Satz also schon kurz vorher gesagt, in der letzten Kabinettsitzung nämlich, da fanden das die Unions-Kollegen alle lustig, keiner hatte Angst von der Nahles Andrea am nächsten Morgen mit einem rechten Haken und einem sauber ausgeführten Back-Suplex aus dem Bett geklingelt zu werden. Aber das mit der Ironie, das ist eben so eine Sache. Im Radio funktioniert sie nicht, wird Hörfunk-Noobs immer eingebläut und auch vor Journalisten kann so ein nicht ernstgemeintes Sätzchen schon mal nach hinten los gehen. #Fressegate war schnell geboren, die Süddeutsche befand, Andrea Nahles spiele mit der demokratischen Kultur und manch einer wollte keinen Unterscheid mehr erkennen zwischen der Frotzelei der SPD-Frau und Alexander Gaulands aufpeitschendem Jagdaufruf am Wahlabend.

Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Gag und Geifer, der Kontext ist entscheidend, nicht die Tatsache, dass Frau Nahles ein etwas böseres Wort gesagt hat. Ein paar Kraftausdrücke kann die demokratische Kultur schließlich schon ab, Joschka Fischer nannte den Bundestagspräsidenten Arschloch, einer der Vorgänger im Amt des SPD-Fraktionsvorsitzenden, Herbert Wehner, bezeichnete den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe als „Herr Übelkrähe“ und Jürgen Todenhöfer als „Hodentöter“. Und Franz-Joseph Strauß? Nunja…

Heute gibt es oft eine regelrechte Sehnsucht nach solchen Polit-Charakterköpfen, die auch mal einen rauslassen. Auf der anderen Seite soll sich die demokratische Kultur aber bitteschön weiterhin anfühlen nach Bussibär-Land. Beides geht aber nicht und am Ende schadet auch eines ganz bestimmt der politischen Kultur, nämlich: Langweile.